ZEUGNIS VON S.D., Jg. 1946Zuerst möchte ich sagen, daß ich nicht zu ausführlich sein werde, sondern nur das Wesentliche erwähnen werde. Ich heiße S. D. Ich bin am 03.08.1946 in Bosnien-Herzegowina geboren. Ich habe am Gymnasium das Abitur bestanden. Ich habe als Vertreter einer kroatischen Textilfirma "Vuteks" aus Vukovar gearbeitet. Wie der Zufall es wollte, begann dieser unglückliche Krieg gerade in Kroatien, eigentlich in Slowenien, doch da dauerte er nur zehn Tage. Und in Kroatien fing der Krieg praktisch in Vukovar an (diese Stadt wurde zum Symbol). Von diesem Moment an hörte ich auf zu arbeiten. Da ich nicht mehr arbeitete, hatte ich genug Zeit, die Geschehnisse in Ex-Jugoslawien zu verfolgen. Ich verfolgte die Radio- und Fernsehnnachrichten und las verschiedene Zeitungen, so dass ich, meiner Meinung nach, ganz gut von dem Krieg in Bosnien informiert war. Ich hatte mir schon ein Bild vom Krieg in Kroatien und dem bereits angefangenen Krieg in Ost- Bosnien gemacht. So konnte ich schon im voraus ahnen, was mir und meiner Familie widerfahren würde. Vor dem Angiff auf den Ort, in dem wir lebten, Kozarac, versuchte ich, meine Frau und ihre Mutter zu überzeugen, dass es am besten wäre, sofort zu fliehen. Meine Ehefrau und ihre Mutter waren aber sehr stur. Sie hatten die Situation nicht ernst genommen und wollten nirgendwo hin gehen. Ich sagte in einem Moment, weil ich in Panik geraten war: “Hört zu! Wir haben ein Kind. Er ist zwar noch minderjährig, doch ziemlich groß für sein Alter. Sie werden ihn nicht als Kind ansehen!" Sie haben nicht reagiert und sind hartnäckig bei ihrer Meinung geblieben. Doch im folgenden Bericht wird sich herausstellen, dass ich im Recht war. Einen Monat vor dem Angriff auf Kozarac haben die Serben mit Hilfe der ehemaligen jugoslawischen Armee die Stadt Prijedor besetzt und die Regierung übernommen. Sie haben überall in der Stadt Kontrollpunkte aufgestellt. Nach einem Monat haben sie angefangen, einen Vorort von Prijedor mit Granaten zu beschießen. Dieser Ort war 12 km von uns entfernt bzw. noch näher, wenn man die Luftlinie betrachtet. In der Nähe von unserem Haus befand sich ein Motel. Ich ging auf die höchste Etage und beobachtete die Einschläge von Granaten und Raketen. Viele Menschen aus Kozarac waren in Prijedor berufstätig und wollten am nächsten Tag zur Arbeit gehen - sie wurden aber zurückgeschickt. Es wurde ihnen an den Straßenkontrollpunkten gesagt, daß man unseren Ort nicht verlassen kann. Ich kann mich nicht erinnern, ob sie uns einen oder zwei Tage isoliert hielten. Sie haben keinem erlaubt, den Ort zu verlassen oder zu betreten. Dann wurde alles zur Hölle. Sie haben angefangen, uns zu granatieren. Diese schweren Angriffe dauerten drei Tage. Ich war schon zu Beginn des ersten Angriffes in einem Schockzustand, so etwas hatte ich noch nie erlebt. Ich hatte das Gefühl, daß alles voll irgendeiner Elektrizität war. Die Explosionen breiteten sich in alle Richtungen aus. Aber wenn ein Mensch ein paar Stunden dieser Lage ausgesetzt war, stumpft er ab. Am dritten Tag wurde uns gesagt, daß wir auf die Straße Banja Luka - Prijedor gehen sollten. Wir gingen alle: Frauen, Kinder, ganze Familien. Das war eine große Kolonne. In dem Moment war etwas in mir aufgesprungen.
Sie haben als ersten einen Bekannten von mir, der ein kleines Kind im Arm hielt, mitgenommen. Sie haben ihm das Kind weggenommen und seiner Frau gegeben und ihn haben sie in eine Garage geführt. Ein paar Sekunden, nachdem sie hineingegangen waren, hörte man schreckliche Schreie, doch bald verstummte er. Nach ihm führten sie einen Mann, der vor mir stand, dorthin. Das gleiche wiederholte sich: kurze Schreie und darauf Stille. Und das gleiche Schicksal widerfuhr einem anderen. Dann hörte ich einen Soldaten sagen :"Worauf warten wir noch? Laßt uns alle umbringen!" Dann haben sie uns befohlen, vorwärts zu gehen, um gleich wieder stehenzubleiben. So gingen wir immer wieder um die 10 Meter und mußten wieder stehen bleiben. In einem Moment stand ich dem geöffnetem Garagentor gegenüber. Ich sah die drei unglücklichen Männer in der Tür liegen. Ich ahnte, daß sie tot waren. Da sagten sie zu uns, daß sich Frauen und Kinder von den Männern trennen müssen. Ich hörte dies, aber ich überhörte es. Meine ganze Aufmerksamkeit war auf das Garagentor gerichtet. Im nächsten Moment habe ich mich umgedreht und erkannte, daß die Frauen und Kinder nicht mehr in der Kolonne waren. Ich sah, daß mein Sohn noch immer neben mir stand. Ich fragte ihn, was er hier noch tue und sagte ihm, daß die Frauen und Kinder auf der anderen Seite der Straße sind. Er antwortete: "Aber Vater, sie erlauben mir das nicht. Sie sagten mir, daß ich groß genug bin, um ein Gewehr zu tragen.” In meinem Bauch platzte etwas. Ich fühlte mich, als müßte ich brechen. In mir brach Panik aus. Ich habe gedacht, daß sie die Frauen und Kinder von den Männern getrennt hatten, um die Männer umzubringen. Ich war wie gelähmt, das heißt, alle waren geschockt. Sie haben uns befohlen, langsam vorwärts zu gehen. Soldaten mit aufgestellten Gewehren befanden sich auf unserer linken und rechten Seite. Ich habe ein Schnellfeuer erwartet. Wir gingen an die 10 Schritte und mußten stehen bleiben. Dieser Vorgang wiederholte sich ständig. Ich weiß nicht, wie lange wir so weiter gelaufen waren, als wir einen Platz erreichten, wo sich Busse befanden. Auf der linken Seite befand sich eine Gruppe Männer, von denen ich die meisten kannte. Das waren politisch organisierte Männer und diese waren auch politische Gegner unserer Bewacher. Diese Gruppe wurde sofort getrennt. Es war mir bewußt, daß sie Schlimmstes erwartet, doch ich wußte nicht, was uns zustoßen würde. Dann haben sie uns gesagt, daß auf einen zugewiesenen Platz Männer über 50 und Kinder unter 16 gehen sollen. Mein Sohn war damals 14 und ich 46 Jahre alt. Mein Sohn ging zu der Gruppe und ich bat einen Soldaten, mich meinem Sohn anschließen zu können. Er nickte nur und ich schloß mich der Gruppe an. Sie schoben uns in Busse, die in Richtung Prijedor fuhren. Ich dachte, das wäre unsere Rettung, aber die Busse fuhren nach links, einen Dorfweg entlang. In mir entstand eine neue Befürchtung. Wohin würden sie uns jetzt bringen? Ich stand mit meinem Sohn hinten im Bus. Ich hörte den leisen Gesprächen im Bus zu. Die einen sagten, daß sie uns umbringen würden, andere sagten, daß sie uns ins Gebirge Manjaca fahren würden. Ich hätte schreien können, da auch mein Sohn zuhörte. Er wurde blaß. Es hat mich genervt, sie darüber sprechen zu hören. So fuhren sie uns nach Trnopolje, dem zukünftigen Lager. Wir erblickten auf einer Wiese die Frauen und Kinder. In diesem Augenblick rief mein Sohn: "Da sind Mutter und Oma!" Sie haben uns aussteigen lassen und wir rannten zu ihnen. Da haben sie uns zwei Tage festgehalten. Wir lagen auf irgendwelchen Bänken und erfuhren nicht, was sie mit uns vorhatten. Nach ein paar Tagen sollten meine Frau und Schwiegermutter in einen von Moslems bewohnten Stadtteil Prijedors, das in der Zwischenzeit zu einem Ghetto geworden war, gebracht werden. Dank des hysterischen Geschreis meiner Frau durfte auch mein Sohn das Lager verlassen. Wir sind geblieben. Ich machte mir Sorgen, was passieren wird, aber noch größere Sorgen machte ich mir über meine Familie. Damit sie uns besser kontrollieren und bewachen konnten, sperrten sie uns nachts in das Schulgebäude ein. Es war wirklich überfüllt. Vorhanden waren nur zwei WCs, die schnell verstopft waren, und der Gestank der Fäkalien wurde unerträglich, daß wir fast nicht atmen konnten. Abends konnte man in diesem schweren psychischen Zustand nur wenig oder überhaupt nicht schlafen. Die ganze Zeit dachte ich darüber nach, ob sie mich töten würden. Morgens stand ich immer ganz früh auf und ging hinaus. Wahrscheinlich hatte ich vor Angst keine Ruhe gehabt. Ich lief hin und her. Manchmal setzte ich mich hin und sprach mit den Leuten. Tagsüber schossen sie immer wieder über unsere Köpfe. Abends war das die Regel. Diese Schießerei machte mir am Anfang große Angst. Man sitzt und die Kugeln fliegen einem einfach über den Kopf. Mit der Zeit gewöhnte ich mich daran. Jeden Tag kamen sie mit irgendwelchen zetteln und suchten bestimmte Personen. Sie waren wie Tiere. Wen sie mitnahmen, kam nicht mehr zurück. Jeder hatte Angst davor, daß er selbst auf dieser Liste ist, weil wir wußten, daß das ein Weg ohne Rückkehr war. In der Ambulanz, die sich gegenüber der Schule befand, befand sich ein Raum, in dem man jeden Tag die Leute brachte und dort schwer quälte und mißhandelte. Dann haben sie diese Männer wieder zu uns gebracht. Das war ein Grauen, wie diese aussahen. Eines Abends, als wir schon schliefen, es war gegen Mitternacht, kamen sie betrunken mit einem Panzer. Sie wollten zu uns, um uns umzubringen. In dieser Nacht bewachte uns der Vertreter des Lagerkommandanten und er hielt sie auf. Wir haben ihrem Streit zugehört. Ich habe daran gedacht, wenn sie hineinkommen, um mich zu töten, würde ich versuchen, durch das Fenster zu fliehen. Nach dieser Nacht habe ich einen Ort gesucht, wo ich mich verstecken konnte, aber einen solchen Ort konnte ich nicht finden. Später, als ich das Lager verlassen hatte, habe ich, wann immer ein einsam war, ein Versteck gesucht, wo ich sicher sein kann. Nachts werde ich seitdem immer von Alpträumen geplagt, in denen sie kommen und uns umbringen. An einem Morgen, als ich herausging, sah in einen etwas 70jährigen Mann, der hinter dem Ohr blutete. Neben ihm weinte eine Frau, die etwas erzählte. Viele hatten sich um sie versammelt und ich kam hinzu, um zu erfahren, was passiert war. Ich habe vergessen zu erwähnen, daß im Umkreis des Lagers auch ein Gebäude mit einem großen Kinosaal befand, wo Frauen, Kinder und ältere Leute waren. Die Frau erzählte, was passiert war. In der Nacht waren wieder betrunkene Soldaten gekommen. Sie gingen in das Gebäude und suchten junge Mädchen. Den alten Mann schlugen sie mit einem Gegenstand hinter das Ohr. Sie nahmen ein paar Mädchen zwischen 12 und 13 Jahren mit. Sie hielten sie bis morgens früh und brachten sie dann wieder. Alle Mädchen waren vergewaltigt. Ich war gegangen, um nach den Mädchen zu sehen. Ich warf nur einen kurzen Blick hinein. Ich sah, daß ihre Blicke nicht normal waren. Ich konnte nicht mehr und drehte mich um, um zu gehen. In der Nähe des Lagers befand sich ein Bahnhof. Sie haben angefangen, Frauen, Kinder und ältere Leute in Viehwagons abzutransportieren. Zuerst sagten sie, daß sie diese nach Banja Luka, meiner Geburtsstadt, bringen würden. Ich habe versucht, mich hinein zu schmuggeln, weil ich dachte, daß sie wirklich nach Banja Luka führen. Doch ich habe es nicht geschafft. Doch erst als der zweite Konvoi bereit war aufzubrechen, erfuhren wir, daß die Züge nach Doboj fuhren. Dort wurden alle Menschen herausgetrieben. Das war also eine ethnische Säuberung. Dann haben sie alle Frauen, Kinder und alte Menschen der Region Prijedors eingesammelt und zu uns, nach Trnopolje, gebracht. Sie schliefen in der Schule und wir draußen auf dem Fußballplatz. Morgens hat man die dann in die Züge getrieben und abtransportiert. Eines Tages brachten sie die Familie eines Nachbarn, er blieb mit seinen Söhnen bei uns und wir verabschiedeten uns von seiner Frau und Schwiegertochter. Dieser Abschied dauerte eine halbe Stunde. Sie weinten, wir aber auch. Sie weinten, weil sie nicht wußten, was mit uns passieren würde und wir weinten, weil sie weggingen und wir nicht wußten, wohin und ob wir sie je wiedersehen würden. Diese Aktion dauerte einige Tage, dann aber fuhren keine Züge mehr. Viele solcher Verabschiedungen, besonders die von meinem Nachbar, haben mich so getroffen, daß ich das Ganze nicht mehr ertragen konnte, besonders der Gedanke, daß das gleiche mich und meine Familie erwartete und ich fragte mich, ob wir uns je wiedersehen würden. Die Transporte wurden mit den Bussen fortgesetzt. Sie fuhren über das Vlasic-Gebirge, etwa 50 km südwestlich von Banja Luka. Dort wurden die Menschen aus den Bussen rausgeschmissen und mußten zu Fuß bis zu den bosnischen Linien bzw. in die freie Stadt Travnik gehen. Eines Tages kam eine Frau, eine Serbin, die mit einem Moslem verheiratet war. Ihr Mann war auch im Lager. Sie hat ihn jeden Tag besucht. Sie hat mir Bescheid gesagt, daß meine Familie Travnik erreicht hat. Dann war ich erleichtert. Ich dachte, Hauptsache die sind im Sicheren und es ist egal, was aus mir wird. Eines Tages kam einer von uns ins Zimmer zurück. Er zitterte. Auf unsere Frage, was passiert war, konnte er nicht antworten. Er war im Schock. Wir warteten, bis er zu sich kam. Dann erzählte er, daß sie ihn hinter ein Haus gebracht hätten. Dort lägen zwanzig erschossene Männer. Sie lägen jeweils paarweise mit Gesicht zum Gesicht. Ihre Zungen waren mit einem Stück Draht verbunden. Und er mußte die Gräber ausgraben. Sie haben einfach versucht, uns auf jede Weise zu erniedrigen. Im Lager gab es Traktoren, mit denen man die Menschen einsammelte. Es gab auch mehrere Radios. Heimlich hörten wir die Nachrichten. Nach fünf bis sechs Tagen hörten wir von dem Sender Radio Prijedor eine Nachricht. Man berichtete über Kämpfe in Kozarac, trotz der Tatsache, daß wir schon alle in den Lagern waren und daß es überhaupt keine Kämpfe mehr gab. Mir wurde klar, daß sie uns alle töten wollten und das Ganze so darstellen, als wären wir vom Kampf gestorben. Dieser Plan war ihnen aber nicht gelungen. Ich hörte, daß ein Radioamateur eine Nachricht nach Zagreb gesendet hatte, die dann auch im Fernsehen kam, daß wir uns in den Lagern befinden. Ich glaube, daß das die erste Nachricht über die Existenz der Lager war. Ich werde mir gut das Datum merken, der 26.5.1992, als das Lager Trnopolje eingerichtet wurde, da ich von Anfang an da war. Mit jedem Tag wuchs auch meine Panik. Ich spielte mit dem Gedanken, daß ich fliehen sollte und habe mir auch die Stellen gemerkt, wo die Wachen waren. Ich erkannte aber, daß es noch einen Bewachungsgürtel gab, den wir nicht sehen sollten. Dazu fragte ich mich auch, wohin ich fliehen sollte. Links war Keraterm, rechts Omarska, links ein Lager, rechts ein Lager. Wenn sie mich lebendig fangen und nicht töten würden, dann folgte wieder das Lager. Am Anfang sprach der Lagerkommandant, daß wir das Lager bald verlassen würden, aber später merkten wir, daß es eine Taktik der Beruhigung war, so daß wir keine Fluchtversuche unternehmen sollten. Jeden Tag kam ein junger Soldat ins Lager. Ich habe sofort gemerkt, daß er nicht ganz "dicht" war. Mit im Lager war auch eine Lehrerin für psychisch behinderte Kinder. Er war einer ihrer Schüler gewesen. Die ganze Taktik war so ausgelegt, daß wir ständig der Angst ausgesetzt waren, nie mehr nach hause zurückkehren zu können. Dieser junge Soldat kam immer nachmittags, als die Wachen ihre Mahlzeiten bekamen. Er hatte eine Pistole, ging von Mann zu Mann, richtete sie jeweils auf die Köpfe der Männer und fragte, ob sie Extremisten seien. Einem befohl er, den Mund zu öffnen, steckte den Pistolenlauf hinein und schlug ihm gleichzeitig mit einem Holzlöffel auf den Hals, so daß eine große Beule entstand. Wir waren alle vor Angst erstarrt. Er kam immer wieder bis zur Schließung des Lagers. Oft haben sie wichtige Leute aus unserer Gruppe gesucht. Dann mußten wir uns wie Soldaten in Reihen aufstellen. Oft haben sie uns junge Soldaten geschickt, so 16 oder 17 Jahre alt, die für uns Grünschnäbel waren und die uns malträtiert haben. Auf diese Weise haben sie uns auch erniedrigt. Wir mußten unsere Namen laut sagen. Eines Tages kam es zu einem besonders schrecklichen Ereignis. Zu einem jungen Mann unter uns kam die Mutter zu Besuch und brachte etwas Essen. In der Nähe befand sich ein Wachmann, der Covic hieß und immer betrunken war. Als der Sohn heraus kam, befahl der Covic der Frau, sich hinzulegen. Dann schoß er auf sie. Dann hat er dem Sohn befohlen, sie zu vergewaltigen. Dieser bewegte sich nicht, dann erschoß er auch ihn. Eines Tages brachten sie wieder Frauen und Kinder, um sie weiter zu transportieren. In der Nähe befand sich ein Geschäft für Baumaterial, umzingelt mit Stacheldrahtzaun. Dorthin brachten sie ab und zu Häftlinge aus Omarska, die angeblich schon ausgefragt waren und angeblich keine Straftaten begangen hatten. Wir konnten sie nur aus der Distanz beobachten, aber das war nah genug, um zu erkennen, wie schrecklich sie aussahen. Nach einigen Tagen haben die Soldaten sie zu uns reingelassen. Unter ihnen war unsere Nachbar, ein Kroate, mit seinem Sohn. Er erzählte uns viel über die Geschehnisse in Omarska. Mir war nicht bewußt, daß ich ihn zum letzten Mal gesehen und gehört habe. Schon am Morgen danach sagte mir einer, daß man gesehen hat, wie man sechs Brüder der Forics sowie diesen Kroaten und seinen Sohn wegführte und man kurz darauf Schüsse hörte. Unsere Vermutung war richtig. Nach zwei Tagen begrub einer von uns ihre Leichen. Dann hörten wir aus Erzählungen, daß jeder von uns, der ein Dokument über die Abgabe seines Eigentums (Land, Haus usw.) unterschreibt, befreit wird. Ich hatte Angst, daß das eine Falle war und sie uns, nachdem wir unterschrieben hätten, töten würden. Manche haben unterschrieben und sie wurden entlassen, mußten aber das serbische Gebiet verlassen. Von allem dem, was ich gesehen und erlebt habe, war dies nur ein kleiner Teil, weil es noch so viel zu erzählen gibt. Aber das Schlimmste für mich war, als man mich von meiner Familie, von meinem Kind, getrennt hat. Von da an habe ich immer Angst, daß man uns wieder trennen würde. Ich werde nie die erste Nacht im Lager vergessen. Mein Kind schlief auf einer Bank neben mir. Er packte mich plötzlich am Arm und schrie: "Vater, ich habe Angst!" Mein Herz zerriß. Ich werde seine Worte nie vergessen: "Vater, ich habe Angst!" Und ich konnte ihm nicht helfen. Ich kann nicht mehr erzählen... Das muß ich noch sagen: In meinem Zimmer war ein Mann, etwa Mitte 30, der psychisch behindert war. Er war mit seiner Schwester und seiner Mutter da. Eines Tages verteilte das örtliche Rote Kreuz den Kindern jeweils 1/4 Liter Milch. Seine Schwester wollte auch ein Päckchen haben, damit sie mit der Milch die Beruhigungsmittel für ihren Bruder zubereiten konnte. Sie hatte aber nichts bekommen. Daraufhin ging ich dorthin und erzählte, warum sie die Milch brauchte. Dann bekam ich ein Päckchen. Hinter meinem Rücken befand sich ein Fenster, so daß ich draußen ein heftiges Schimpfen und eine Gewehrsalve hörte. Ich versteckte mich zuerst in einer Ecke und dann lief ich in die Schule. Ich hatte das Gefühl, daß man auf mich geschossen hat. In diesem Zustand fiel ich auf den Boden, konnte dann aber weiterlaufen. Dann habe ich den Grund für die Schießerei erfahren. Ein Soldat wollte einen Häftling töten. Ein anderer versuchte, dies zu verhindern. In diesem Streit feuerte einer und verletzte den anderen. Dafür mußten wir wieder büßen. Um sich zu entladen, schoß der Soldat auf uns. Er traf eine Frau, die vor der Ambulanz wartete und ihr Kind in den Armen trug. Sie starb vor meinen Augen. Eines Tages brachten sie ein Ehepaar, welches mir bekannt war, ein Zahnarzt und eine Lehrerin. Die Frau war Mitglied einer muslimischen Partei (SDA), die den Serben ein Dorn im Auge war. Sie sprachen kurz. Den Mann ließen sie bei uns und sie habe ich nie wieder gesehen. Ich weiß nur, daß man sie nach Omarska gebracht hat und von dort verlor sich ihre Spur. Ich spreche hier ziemlich durcheinander und daher kann man bestimmt nicht so leicht folgen. Weil so viel geschehen ist, ist es schwer, alles in einer richtigen Reihenfolge zu erzählen. Der Kroate, der mit seinem Sohn starb, was ich schon erwähnt habe, wurde von seiner Frau in Omarska besucht. Dort sagte man ihr, daß sie nicht im Lager seien. Sie wurde belogen. Sie war eine Serbin. Sie hat ihren Mann und ihren Sohn auch bei uns gesucht. Ich habe dann mit ihr geredet. Keiner von uns hatte die Kraft, ihr die Wahrheit zu sagen. Am Morgen danach hatte sie es aber erfahren. Es war schrecklich zu sehen, wie sie weinte und was sie sich selbst antat. Mit uns waren auch viele ältere Leute. Viele von ihnen starben nicht durch Qualen, sondern einfach durch das ganze Leid. Ich hörte Geschichten aus dem Zweiten Weltkrieg, wie Menschen vor den Hinrichtungen so ruhig, fast wie hypnotisiert, waren. Im Lager konnte ich das nachvollziehen. Man kam in eine solche seelische Lage. Es war einem, der in der Reihe vor dem Henker stand, fast gleichgültig, was passieren würde. Das gleiche hätte auch mir passieren können. Sie sagten, wenn sich einer von uns versteckt, wird er erschossen. So wollte sich keiner von uns verstecken. Wir waren bei den Zählungen immer vollzählig. Ich kann nicht mehr... Darüber könnte man tagelang berichten. Das Zimmer hier erinnert mich an das Zimmer im Lager. Aus dem Fenster des Zimmers konnte ich beobachten, wie man die Häuser in Kozarac anzündete. Dies passierte ungefähr 20 Tage nach unserer Ankunft im Lager. Ich hatte kein Gefühl bzw. Vorstellung über die Zeit. Man konnte das gut beobachten, weil Kozarac höher lag. Das haben sie systematisch und geplant gemacht, das heißt, die Häuser von den Rändern zur Mitte der Stadt ausgeplündert und angezündet. Vor dem Krieg war ich Bergsteiger. Ich war an dem Bau unseres Vereinshauses beteiligt. Das Gebäude lag über Kozarac. Ich beobachtete, wie es brannte. Die Hauptrichtungen dieser Aktion konnten wir auch beobachten. Die erste Richtung war vom Bergsteigerhaus bis nach Kozarac, die zweite von Mrakovica nach Kozarac und die dritte vom Vorort Besici usw. Schon als wir Kozarac verließen, waren die Häuser an der Hauptstraße schon verbrannt. In diesem Moment haben wir nicht über materielle Werte nachgedacht. Wie ich aus dem Lager herauskam? Am meisten Angst hatte ich vor den jungen Soldaten in Tarnuniformen. Ältere Soldaten trugen olivfarbene Uniformen. Einen Tag lang waren die jungen Soldaten an der Wache, am folgenden Tag die älteren und immer so abwechselnd. Die jüngeren nannte ich Schießmannschaft. Sie haben die ganze Zeit nur geschossen. Eines Tages sah ich einen Polizeitransporter mit Blaulicht fahren. Er fuhr vor einer Buskolonne. Sie fuhren in Richtung Bahnhof. Das sollte der nächste Transport werden. Irgendwann mal kreisten Gerüchte um Kozarac, die Stadt wäre keine Stadt mehr, sondern eine Kaserne. Dann sagte man uns, daß die Einwohner Kozaracs, die im Zentrum und weiter nördlich gewohnt haben, den Vorteil hätten, zuerst mit den Bussen abtransportiert zu werden. Die Menschen stürmten zu den Bussen. Ich habe es nicht getan, da ich ein schlechtes Gefühl dabei hatte. Etwa 200 Leute waren mit den Bussen weggefahren. Am Morgen danach benachrichtige uns der Lagerkommandant, daß es einen Zwischenfall gab und 20 Leute versehentlich getötet worden wären. Erst später bekamen wir die Wahrheit zu hören. Alle 200 waren getötet worden und in die Schluchten des Vlasic geworfen. In diesen Tagen sagte mir ein Nachbar, daß mich ein Soldat gesucht hätte. Dieser Soldat war der beste Freund meines Schwagers, auch unserem Familienfreund, M. B., der vor dem Krieg ein Anwalt war. Er hatte mir Lebensmittel gebracht. Er hat später seine Wohnung gegen eine Erlaubnis getauscht. Mit dieser Erlaubnis durfte er Prijedor verlassen und wurde vom Militärdienst in Prijedor entlassen. So konnte er später leichter aus seinem Geburtsort L. nach Serbien fliehen. Dann konnte er mit seiner Familie Serbien illegal verlassen. Sie leben jetzt in Berlin. Später hat mich wieder ein Polizist gesucht. Ich hatte panische Angst, konnte mich aber beruhigen, als er mir sagte, daß er im Auftrag meiner Freunde M. und N. käme. N. ist der Cousin meiner Schwägerin und M. seine Frau. Die Freundin dieses Polizisten war N.s Schwester. Dieser Polizist fuhr N.s Wagen. Er sagte mir, daß ich in der nächsten Nacht gut auf mich aufpassen sollte und daß er am Morgen um neun Uhr kommen werde und mich in die Freiheit mitnehmen würde. In dieser Nacht gab es noch einen Konvoi in Richtung Vlasic. Ich war sehr ungeduldig, wartete aber bis zum Morgen. Ich hatte schon die Hoffnung verloren, da sagte mir der gleiche Nachbar, daß der junge Polizist wieder da wäre. Mit ihm war noch ein junger Soldat. Sie haben mich ins Auto gesetzt und wir fuhren los. Dann merkte ich, daß wir nicht nach Banja Luka, sondern nach Prijedor fuhren. Ich fragte mich, was jetzt passieren würde. Dann sagte mir der Polizist, daß wir zu ihm nach hause führen, so daß ich mich duschen und umziehen und rasieren könnte. In diesem Moment sah ich auf der rechten Seite ein verlassenes Haus. Ich dachte, daß das alles eine Lüge ist und sie mich gleich töten würden. Ich war wie gelähmt. Wir fuhren aber weiter und kamen im Prijedor an. Seine Eltern und eine junge Frau haben uns empfangen. Das war seine Freundin bzw. die Cousine meiner Schwägerin. Sie hat mich nicht wiedererkannt. Ich sah elend aus. Ich wog von meinen 84 Kilogramm nur noch 63. Ich hatte also 21 kg verloren. Mein Bart war grau geworden. In diesem Zustand konnte ich sie auch nicht wiedererkennen, obwohl ich sie vorher gekannt habe. Sie haben ihr gesagt, wer ich bin. Sie umarmte mich und weinte. Ich war sprachlos. Am Nachmittag kamen M. und N. und dann fuhren wir nach Banja Luka. Der junge Polizist mußte ein Dokument unterschreiben. Das war die Garantie, daß er für mich verantwortlich war. Ein Entlassungsbrief war beigefügt. Dafür mußte er 800 DM zahlen. Da ich kein Geld hatte, versprach ich ihm, das Geld irgendwann zurückzuzahlen. Darauf sagte er mir, daß ich die Dokumente auch zerreißen könne. So kam ich nach Banja Luka, vor das Haus meiner Schwester. Ich spürte Freude und Leere. Die ersten drei Tage durfte ich das Haus nicht verlassen. Irgendwann sagte man mir, daß es für mich das beste wäre, Banja Luka zu verlassen und weiter zu fliehen... |