ZEUGNIS VON S. A., Jg. 1967

Als ich die Nachrichten hörte, daß der Krieg in Slowenien angefangen hat, habe ich gedacht, daß das bei uns sicher nicht so sein werde. Aber nach einem Monat hat auch in Kroatien der Krieg angefangen. Die serbische Armee ist mit allen Waffen nach Bosnien eingezogen, zunächst aus Slowenien und später auch aus Kroatien. Das Hauptzentrum der serbischen Armee war in Banja Luka, meiner Heimatstadt. Jetzt ist das die Hauptstadt der Republika Srpska (RS).

Wir Bosnier haben nichts gegen die serbische Armee und das serbische Volk gemacht und so haben wir dann gedacht, uns werden sie nicht okkupieren und wir können unbehelligt da weiterleben. Wir haben uns geirrt.

Nach kurzer Zeit hat die serbische Armee angefangen, eine Polizeistunde einzuführen und Barrikaden zu errichten (d.h. nach 21.00 Uhr durfte niemand mehr auf der Straße sein). Jedes serbische Kind hatte Waffen und Bomben bzw. Handgranaten.

Wenn die serbische Armee nach 21.00 Uhr jemanden auf der Straße gesehen hat, hat sie ihn gleich geschnappt und ihn ins Lager oder auf die erste Linie ins Schlachtfeld gebracht. Viele Mädchen (bosnische und kroatische) sind entführt und in serbische Bordelle gebracht worden, wo sie vergewaltigt worden sind. Diese Bordelle waren für serbische Soldaten.

In meiner Straße waren ein paar bosnische und kroatische Familien. Die haben sich nie vorstellen können und daran gedacht, was mit ihnen passieren würde. Ich mußte meinen Eltern sagen, daß sie, wenn die Polizei nach mir fragte, sagen sollten, ich sei nicht zuhause, sonst hätten die mich auch festgenommen und aufs Schlachtfeld, an die Front, gebracht.

Nachts habe ich bei geöffnetem Fenster geschlafen, damit ich aus dem Fenster flüchten konnte, wenn jemand nach mir suchte.

Ich konnte nicht arbeiten, weil die Polizei mich in der Firma gesucht hat. Ich mußte mich verstecken in der Wohnung von Verwandten und Freunden. Eines Tages war ich kurz in der Stadt, um etwas zu essen zu besorgen, da habe ich etwas Schreckliches gesehen. Die Soldaten haben ein Haus umstellt, weil sie jemanden aus dem Haus herausholen wollten. Ein junger Mann hat versucht, durch das Fenster zu flüchten. Ein Soldat hat ihn erschossen. In diesem Moment habe ich so Angst gehabt, daß ich gezittert habe. Dieses Bild werde ich nie vergessen.

Am nächsten Tag hat ein serbischer Mann in einem Café meinen Cousin in den Kopf geschossen. Der Grund war, daß mein Cousin in diesem Café gerufen wurde und sein Name muslimisch war.

Die Polizei hat jedes Haus nach Waffen durchsucht und sie haben alles, was etwas wert war, geklaut. So war es auch bei uns. Die sind zu uns gekommen. Sie haben keine Waffen gefunden, aber dann haben sie uns in eine Ecke gestellt und alle Sachen aus dem Haus mitgenommen. Danach haben sie mich und meinen Vater geschlagen, so daß sie meinem Vater die Hand und zwei Rippen gebrochen haben, ich habe viele Schläge an den Kopf bekommen. Die Mutter hat geweint und uns geholfen, aber wir konnten nicht gleich aufstehen. Mein Vater mußte sich zuhause erholen. Ins Krankenhaus durften wir nicht. Diesen Terror konnte ich nicht mehr durchhalten, so daß ich aus Banja Luka flüchten mußte. Mit einem Bus vom Roten Kreuz habe ich meine Stadt verlassen.

Wir sind nach Kroatien, nach Zagreb, gefahren. Dort hat mich die kroatische Armee aus dem Bus geholt. Sie sagten mir, daß sie mich auf das Schlachtfeld bringen. Ich dachte, ich bin aus einer Hölle in die andere Hölle gekommen. Ich mußte in ein Militärauto einsteigen. Ich wußte nicht, wohin sie mit mir wollten. Ich dachte, mit mir ist es vorbei. Ich bin verloren. Einmal haben sie das Auto gestoppt und noch zwei junge Männer hineingeschmissen. Etwa zwei Stunden haben sie uns gefahren. Wohin, wußten wir nicht. Wir sind aus dem Auto ausgestiegen. Da, wo wir angekommen sind, waren noch viele andere Männer. Sie haben uns geschlagen und beschimpft. Durch die vielen Schläge habe ich vier Zähne verloren. Die kroatischen Soldaten haben nur gelacht. Dann sind wir mit einem Bus auf das Schlachtfeld, an die Front, gebracht worden. Dort mußten wir ein lebendiger Schutz sein. Das heißt, wir haben mit unseren Körpern die kroatische Armee vor den serbischen Schüssen geschützt. Viele Leute sind erschossen worden. Blut war überall. Das war schrecklich. Ich konnte mich verstecken und danach in einen Ort in der Nähe flüchten. Ein Mann hat mir weitergeholfen, nach Deutschland zu kommen.

Aber das, was ich dort gesehen habe, war schrecklich. Da waren so viele Leichen und so viel Blut. Ich war froh, daß ich aus dieser Hölle raus war, aber dieses schreckliche Bild ist immer wieder vor meinen Augen.