ZEUGNIS VON S.A., Jg. 1961

Im Frühling 92 hatte ich das Gefühl, daß der Krieg aus Kroatien sich langsam erweitert auch auf die andere Republiken des ehemaligen Jugoslawiens. Ich habe in dieser Zeit noch immer in Belgrad gearbeitet, und ich habe mit meine Familie (Frau und drei Kinder) in Ost-Bosnien gelebt, in der Nähe der Grenze zwischen Bosnien und Serbien. Jedes Wochenende bin ich nach Hause gefahren zum  Besuch und dann wieder  nach Belgrad. Schon im Februar habe ich schlimme  Erlebnisse gehabt mit paramilitärischen Truppen in Serbien, weil sie sehr aktiv waren in der Republik Serbien; sie haben sehr oft Busse gestoppt, Pasagiere kontrolliert, Ausweise  überprüft und dann alle Bosnier aus dem Bus malträtiert, verbal provoziert,  mit Händen und Beinen geschlagen und getreten, oder mit  Stock und Gewehr zugeschlagen, die haben Geld geklaut, persönliche  Sachen. Das alles habe ich in der Stadt Sabac erlebt. Sie haben das alles gemacht, nur weil ich Bosnier war. Die Fahrt nach Belgrad war immer mit viel Risiko  verbunden.

Am Anfang April, wegen des Risikos und der anonymen Anrufe, habe ich die Situation sehr ernst genommen und weil es unmöglich war, weiter zu reisen, habe ich mich entschieden,  zu Hause zu bleiben, mit großer Angst, wie und wo es weiter gehen könnte. In meinem Ort haben sich die Serben schon vorbereitet auf den Krieg, sie haben Polizei- und Militärformationen gebildet, und sie haben angefangen, Druck auszuüben auf die nichtserbische  Bevölkerung. Die ehemalige Armee hat das Ganze mit Waffen unterstützt, mit allem Kaliber, um das serbische Interesse zu schützen. Die lokale Polizei hat angefangen, die Leute systematisch zu überprüfen. Regelmäßig sind die bei mir aufgekreuzt, an ganz normalen Nachmittagen und dann haben sie mich ins Auto reingeschleppt und in die Polizeistation zum Verhör abgeliefert. Die haben mir vorgeworfen, dass ich Waffen und Gewehre für die nichtserbische Bevölkerung gesamelt hätte. Diese  Verhöre dauerten lange, viele Stunden, und es war schlimm, es zu erleben. Es wurde mir mit Liquidation gedroht und auch meiner Familie, damit ich Dinge bestätige, über die ich keine Ahnung hatte.

Der Krieg hat sich auf das ganze Gebiet von Bosnien und Herzegowina verbreitet. In der Stadt Bjeljina wurde die Zivilbevölkerung zahlreich umgebracht. Der Krieg griff auf die Stadt Zvornik über und Bratunac, wo ich gelebt habe. Ich erinnere mich an den Tag, als Zvornik in Flammen stand. Das war Ende April, am einem schönen sonnigen Morgen, als ich mit meinem Traktor das Land bearbeiten wollte. Das war in der Nähe des Flusses Drina, der gleichzeitig die Grenze zwischen Serbien und Bosnien bildet. Am Nachmittag hat mich da mein Freund besucht, der sagte mir, ich solle mit der Arbeit aufhören und mich in Schutz begeben. Wir sind dann zusammen auf dem Traktor nach Hause gefahren. Er erzählte mir, daß serbisches Militär die Leichen auf  Lkws transportiert und sie dann in die Drina wirft. Wir sind dann gegangen, um uns das anzusehen. Aus nächster Nähe beobachteten wir schreckliche und niemals zu vergessende Greueltaten von Tätern, die ihre Opfer mit dem Messer niedergemetzelt haben und sie dann halbtot in die Drina geworfen haben. Einige haben sie einfach mit den Gewehren niedergeschossen. Es war so schrecklich, dies mitzuhören und mitzuerleben und das prägt sich mir immer noch ein.

Ich werde niemals vergessen, wie ein junger und schwerverletzter Mann versucht, auf die Beine zu kommen und die Soldaten um sein Leben bittet. Es war traurig mitzubekommen, daß er zu Hause erst geborene Kind hat, dass er keine Schuld trägt, dass er ein ehrlicher Mann ist, dass er in Serbien arbeitet und dort  viele Freunde hat. Das half nichts und sie haben ihn umgebracht. Der Lkw  mit Soldaten fuhr dann weiter Richtung  Zvornik, wonach ich und mein Freund wortlos und  verloren zu seinem Haus gingen. Das haben wir unseren Bekannten erzählt. Mein Freund mit noch drei Bekannten zusammen und ich gingen früh abends an den Ort des Geschehens. Da haben wir die Leichen des Getöteten aus dem Wasser geholt.  Aus den Dokumenten, die er mit sich trug, haben wir erfahren, dass er aus Zvornik ist. Wir haben ihm dann schell und ohne Zeichen begraben. Sehr oft träume ich von diesem Geschehen.

Ich wusste, dass der Krieg auch in meinen Ort kommt. Ich konnte mich und meine Familie aber nicht retten. Jeden Tag sahen wir die serbische Milizen zahlreich in unseren Ort kommen.

Es war schrecklich, das alles zu hören und zu sehen, wie sie geübt haben. Geschosse fielen auf mein Hausdach. Danach kamen auch Panzerwagen, die ihre Granaten auch tagsüber abgefeuert haben. Meine Eltern wohnten auch in der Nähe. Ich musste eines morgens mit meinem Bruder eine Arbeit erledige. Als wir Granaten hörten, haben wir mit den Arbeit aufgehört. Da bemerkten wir, dass wir das Ziel waren. In großer Panik und Angst suchten wir Schutz und danach flohen wir in den Wald. Als es dunkel wurde, gingen wir zum Vater. Dort haben wir auch übernachtet. Am Morgen holten wir meine Frau und die drei Kinder ab. Auf dem Weg zurück wurden wir wieder beschossen. Wir dachten, das wäre unser Ende. Wir alle kriegten große Angst. Wir mussten aber weiter. Erschrocken und in halbtoten Zuständen ereichten wir das Haus.

Dort trafen wir auch meine Schwester mit ihren kleinen Kindern, weil sie auch fliehen musste.

In der Mittagszeit haben wir alle zusammen etwas gegessen, aber dann wurden wir wieder beschossen. Wir suchten Schutz im Keller. Danach haben wir unser Haus verlassen und sind in den Wald geflohen. Aber mit drei Kindern hielten wir es nicht lange aus, wegen der Nachtkälte und dem Fehlen von Nahrung. Deshalb mussten wir unter großem Risiko nochmal ins Haus zurück.

So war das im April und den ersten zehn Tagen vom Mai 92.

An 10. Mai ´92, es war ein schöner Tag, sonnig, Frauen und Kinder haben vor dem Haus gesessen, und ich war im Garten. Auf einmal hörte ich Lärm und Geschrei. Die Serben fingen an, systematisch die Häuser von Bosniern anzünden und zu berauben. Wir alle wurden dann Richtung  Haltestelle gebracht, wo auf uns schon die Busse warteten. Aus dem Bus sah ich   wie mein Haus niederbrannte. Lautes Schießen und Kindergeschrei haben eine schreckliche Atmosphäre gemacht. Mit uns trugen wir nur Ausweise, Geld und Schmuck. Die nahmen uns das alles weg. Die Ausweise haben sie kaputt gemacht. Meine Frau trug meinen 12 Monate alten Sohn. Das hat mir noch extra Sorgen gemacht. Eine Cetnik fragte meine Frau, ob der ein Sohn oder ein Mädchen ist.  Darauf hin sagte sie:”Es ist ein Sohn..” Da befahl er, den Schmuck zu entfernen, sonst schneide er ihr die Finger ab. Meine Frau mit den Kindern fuhr in einem Bus weg. Ich wurde vor dem Bus angehalten. Dort sah ich, wie sie Leute umbrachten und einen von denen haben sie angezündet: Keiner durfte ihm helfen. Angst und Ungewißheit hatten uns im Griff.  Ich kann das alles immer noch nicht vergessen.  Während der Fahrt von Krasnopolja bis Bratunac sehe ich schreckliche Bilder von niedergebrannten Hausern.

Es war ein heißer Tag und wir im Bus hatten kein Wasser. Es war schlimm, Geschrei von Kindern und alten Leuten zu hören. Gegen 13:00 Uhr haben die uns in ein Fußballstadion gebracht. Da sahen wir eine Vielzahl von Menschen aus den umliegenden Dörfern. Das waren in etwa 20.000 Menschen. Es war nicht genügend Platz für alle Leute. Von diesen Menschen wurde immer eine kleine Gruppe herausgeholt. Ausgesuchten wurden Intelektuelle, die dann in unbekannter Richtung abgeschleppt wurden. Manche wurden dann gleich umgebracht. Dann wurde mein Name aufgerufen und ich meldete mich. Ich ging dann zu dem Mann und guckte nach meiner Familie zurück. Ich dachte, das wäre das letzte Mal, dass ich meine Familie sah..! Ich fragte den Mann, was sie mit mir vorhätten. Der antwortete: “das siehst du bald”. Ich kanmte den Mann aus meiner Kindheit. Der führte mich in die Schule. Dort sah ich andere Menschen, die von Serben umgeben waren. Ich wartete auf mein Schicksal. Wir haben das Töten gesehen und gehört. Die Serben sind nach erledigter Arbeit mit blutigen Händen aus einem Zimmer herausgegangen. In den Händen hatten sie Messer und andere Waffen. Ich hatte große Angst um mein Leben in der Zeit, als ich auf meine Exekution wartete. Als ich an der Reihe war, sah ich den Mann, der mich umbringen sollte, der noch gelacht hat und gesagt hat, dass ich das Lamm zum Schlachten war. Der hat mich in ein Zimmer gedrängt und geschlagen über Kopf und Rücken. Dort sah ich massakrierte Leichen, die zum Teil noch am Leben waren. Zum Glück traf in dem Augenblick eine Gruppe serbischer Journalisten mit Fernsehkameras ein. Die haben das ganze Zimmer gefilmt. Sie sagten, es handelte sich um getötete Serben, was natürlich eine Lüge war. Ich sah meine Beine im Blut und Teilen von Leichen. Ich wurde bewustloss, dann wurde ich von einen Mann geweckt und in ein anderes Zimmer gebracht.  Dort sah ich wieder mir bekannte Menschen, die zum Teil umgebracht lagen. Eine, der halb tot war, hat mich um Hilfe gebeten. Leider konnte ich ihm nicht helfen. Ich und ein paar andere habe das Exekutieren beobachtet. Diese Exekution hat dieses Fernsehteam einen Augenblick  gestoppt. Doch das war nur kurze Zeit, und das alles fing wieder von vorne an. Die Menschen, die Glück hatten, wurden durch einen Kopfschuss erledigt. Ich sah aber die anderen, die richtig gefoltert wurden mit Messern und Hämmern. Diese grausamen Bilder werde ich nie vergessen. Ich sehe noch immer, wie ein Mann Urin von einem anderen Mann trinkt, wie ein Freund den anderen Freund töten mußte. Das alles macht mich unglücklich, obwohl ich glücklich bin, dass ich das überlebte. Ich überlebte, weil mich ein Freund aus der Schulzeit erkannt und gerettet hat. Der war auch einer der serbischen Soldaten. Der hat sein Leben riskiert, um mir zu helfen. Der hatte mir gesagt, versuch zu fliehen, aber wenn es jemand bemerkt, muß ich dich dann auch erschießen. Ich bin dann gerannt bis zum geht nicht mehr. Dann wurde ich bewustloss, und das nächste, woran ich mich erinnere, war ein serbischer Polizist, der mich gefragt hat, wo ich hin will? Ich sagte, ich will zu meiner Frau und den Kindern. Der erlaubte mir zu meinem Glück und zu meiner Überaschung die Familie zu sehen. Ich war sehr glücklich, daß ich noch lebte, weil ich die einzige Person war, die lebend zurückkam. Dann fingen sie abends wieder an zu sortieren. Männer auf die eine und Frauen, Kinder, Alte, Invaliden auf die andere Seite. Ich gehörte auf die andere Seite, wohl, weil ich nur einen Arm habe. Die haben uns mit Lkws unter Militärbegleitung in eine unbekannte Richtung abgeschleppt. Drin erfuhren wir, daß wir zum Austausch gedacht waren. Spät abends ereichten wir das Ziel. Die Serben sagten uns, wir dürfen nicht stehen bleiben oder ausruhen. Wir liefen schnell weg. Wir wussten nicht, wohin uns der Weg führte. Viele von uns fielen tot um. Barfuss trug ich meine Tochter und meinen 12 Monate alten Sohn. Wir erreichten gegen 4 Uhr eine Soldatenpatroullie, und die haben uns herzlich empfangen. Wir wussten nicht, worum es ging. Sie halfen uns durch den Wald und informierten uns, daß sie legitimes bosnisches Militär waren. Sie gaben uns Wasser, Essen, Kleidung, und führten uns in die kleine Stadt Kladanj. Dort wurden wir in umgestalteten Kindergärten empfangen. Die ersten Tage im Flüchtlingslager, im Banovici, und später in Kiseljak waren sehr schwer.  Ich war in einem schweren psychischen posttraumatischem Zustand. Ich war beim Arzt. Ich hatte Halluzinationen gehabt, ich habe meine Mutter und Vater, Brüdern und Schwestern gerufen, obwohl sie nicht da waren. Ich habe meinen Freund gerufen und ständig Bilder seiner minderjährigen Tochter gesehen, obwohl sie auch nicht da waren. Ich steckte in einer großen psychischen Krise und durch das Argument, daß wir alle hungrig waren und sehr schlechte Gedanken hatten, habe ich schon an Selbstmord gedacht.

Bekannte von mir haben mir geholfen, daß ich zusammen mit meiner Familie nach Zagreb kam. In Zagreb haben wir erfahren, daß die deutsche Regierung einen Konvoi organisiert hat, ein Zug mit der Möglichkeit, daß 5000 bosnische Flüchtlinge nach Deutschland kommen. Auf legale und erlaubte Weise sind wir nach Deutschland gekommen, wo wir eine große Zahl von Freunden kennengelernt haben, die uns geholfen haben. Acht Jahren sind schon vergangen, seit dem Moment meiner schrecklichen Erlebnisse, aber ich sehe keine Verbesserung  in meiner Seele in Richtung bedeutende Rehabilitation und Genesung.

Ich habe verschiedene Arten von Therapie versucht, die mir die Ärzte für Psychologie und Post-Trauma empfohlen haben, leider haben die keine besondere Wirkung gezeigt. Momentan sind kurze positive Ergebnisse vielleicht bemerkbar bei meiner seelischem Entspannung, doch generell gibt es keine Verbesserung. Die Unruhe und den Schmerz meines psychologischen Lebens versuche ich, durch geschäftliche und rationale Tätigkeiten zu vergessen. Leider schaffe ich es nicht darin, weil ich bemerke, daß meine Nächte lang und schrecklich sind, so daß ich Angst habe einzuschlafen. Auf der Straße und bei Spaziergängen bin ich ziemlich unruhig und denke, daß ständig jemand hinter mir her ist, der mich verfolgt. Ich bin ziemlich verschlossen geworden und habe jede Art von Komunikation mit anderen Menschen verloren. Mein Mißtrauen gegenüber anderen Leute hat eine extreme Grenze erreicht. Ich bin sehr  unglücklich und unzufrieden mit meiner weiteren Entwicklung,  meinen schweren Kopfschmerzen, der psychischen Krise, und überhaupt mit meiner geistigen Welt. Meine einzige Hoffnung und gleichzeitig Therapie für meine Persönlichkeit sind meine Freunde, die ich kennen gelernt habe und die mir geholfen haben, eine dauerhafte und sehr interessante Beschäftigung zu finden. Die Arbeit in der Firma hilft mir langsam, aber sicher in der Art meines Dankens, bringt mir Hoffnung, Vertrauen und Verantvortungsgefühl zurück und gleichzeitig hilft dies mir als beste Therapie für meine psychische Genesung. Ich denke, daß meine Arbeit, die ich momentan mache, die beste Art von Rehabilitation ist und überhaupt der beste Weg meiner langsamen aber sicheren Therapie. Ich merke bedeutende Schritte in dieser Richtung und deswegen ist das wichtig, daß ich mich wieder für die Gesellschaft nützlich fühle und daß ich für die Sicherheit meiner Familie sorgen kann, in dem Gedanken, daß wir alle wieder in Not sind.

Danke...!