ZEUGNIS VON R. D., Jg. 1952

Mein Name ist R. D. Ich bin am xx.xx. 1952 in der Ortschaft Grapska, nahe Doboj geboren.

Da habe ich gelebt und in der Firma .......... gearbeitet. Zu arbeiten habe ich ab meinen 18. Lebensjahr angefangen, so daß ich bis zum Beginn des Krieges 22 Jahre lang gearbeitet habe.

Ich bin verheiratet und ich habe zwei Kinder. Auf der Arbeit wurde ich geschätzt, man hat mich oft für meine Arbeit geehrt und als Belohnung habe ich eine Arbeit im Iran bekommen, wo ich gearbeitet, und in dieser Zeit viel Geld verdient habe. Nach der Rückkehr aus dem Iran, habe ich ein Haus gebaut, es ganz ausgestattet und ein Auto gekauft.

Neben der Arbeit habe ich mit der Schule weitergemacht, die ich auch fertig gemacht habe, also wurde ich in der Firma als Geschäftsführer eingestellt.

Ich habe schön und in Eintracht mit meiner Familie gelebt, ich hatte keine Probleme, in der Familie und auch nicht in meinem Freundeskreis.

Und dann, 1989, begann sich alles sich zu ändern. Auf der politischen Bühne des ehemaligen Jugoslawien erscheint Slobodan Milosevic, der über die Informationsmittel (Medien) eine starke Propaganda auf sein serbisches Volk ausübt: alles, was nicht serbisch ist, muß serbisch sein oder werden. Nach seiner Vorstellung sind Kroatien, Bosnien und Herzegowina, Mazedonien und Montenegro serbisches Land. In seiner Propaganda sind nur die Serben ein souveränes Volk, alle anderen sind ausgedachte Nationen. Im Gegensatz zu ihm kommt es in anderen Republiken zu mehrparteiischen Organisationen. In Bosnien, neben anderen Parteien, werden drei nationale Parteien gegründet: moslemische, serbische und kroatische, die auch gleich nach den Wahlen die Regierung bilden.

Das langsame Sterben Jugoslawiens hatte begonnen. Auf der Arbeit fing es an unsicher zu werden, im Leben Bosniens und Herzegowinas wurde es gefährlich zu leben. Der Krieg in Kroatien war schon groß im Gange, der Rest Jugoslawiens hatte Kroatien angegriffen. Viele serbische Soldaten mit Waffen, Lkws und Panzern sind durch meine Ortschaft durchmarschiert. Sie waren maskiert und wenn sie durch unsere Ortschaft, in welcher Moslems lebten, durchgingen, feuerten sie in die Luft mit automatischen Waffen und oft auch in die Häuser, die neben der Straße waren. Sie machten uns Angst. Viele Einwohner von Grapska beginnen, verängstigt in sichere Teile Bosniens oder nach Westeuropa zu fliehen.

Am 26. April war ich in der ersten Schicht. Auf die Arbeit bin ich mit meinem Auto gefahren. Auf dem Weg in die Firma hat mich die Militärpolizei aufgehalten und sie haben mich gefragt, wo ich hingehe.

"Auf die Arbeit", sagte ich. In den Dokumenten haben sie gesehen, daß ich Moslem bin. Sie ließen mich durch und sagten zu mir, daß es ungewiß sei, ob ich zurückkehren werde. An diesem Tag ist niemand von den Serben auf die Arbeit gekommen, man hat gesehen, daß sie was Großes vorbereiteten. Ich hatte mich entschlossen, auch nicht länger auf die Arbeit zu gehen. Es war zu gefährlich geworden, irgendwo hinzugeben.

Derventa, Bosanski Brod und Sarajewo zerstören sie schon in großen Teilen. Der fürchterliche Krieg kommt auch meinen Ort näher. Maskierte Banden haben meinen Ort blockiert. Man konnte nicht rein und nicht raus aus dem Dorf. Diejenigen, die etwas mutiger waren und versucht hatten, aus dem Dorf rauszukommen, wurden abgefangen, man hat sie beraubt und geschlagen und dann wieder in das Dorf zurückgeschickt. Die Anspannung und die Angst wurden immer größer. Man konnte kaum schlafen und essen, es gab kein normales Leben mehr.

Und dann, am 10. Mai 92 begann ohne Vorwarnung die Granatierung von Grapska, stark von allen Seiten. Die erste Granate explodierte um 11.28h. Die massive Granatierung dauerte bis14.00h, als sie aufhörten und jemanden schickten, der uns mitteilen sollte, daß wir uns ergeben und die Waffen abgeben sollten. Die Waffen, die sie verlangten, hatten wir nicht. Was mich angeht, hatte ich nie in meinen Leben eine Waffe, noch kann ich damit umgehen. Ichbin nie in der Armee gewesen.

Die Zivilbevölkerung Grapskas konnte sich aus Angst nicht ergeben, also machten sie weiter mit noch stärkerem Granatieren.

Ich bin mit der Familie in einen Keller beim Nachbarn rübergegangen, da waren schon viele Menschen drin. Nicht lange danach hörte die Granatierung auf. Wir, ein Paar Männer, hatten beschlossen rauszugehen, um zu sehen was draußen passiert.

Aus der Richtung von Doboj hörte man ein lauten Lärm von rollenden Panzern, und dann Donner. Sie kamen in mein Dorf rein und zerstörten die Häuser reihenweise, von beiden Seiten der Straße. Die Panik hat uns ergriffen. Jeder mit seiner Familie begann, ins Zentrum des Dorfes zu fliehen. Sie haben Leute in den Seitenstraßen gesehen und das Feuer aus den Wäldern eröffnet.

Es gab Verletzte, Tote, aber keiner kennt die genaue Zahl. Wir haben ein Haus in der Nähe des Zentrums erreicht. Die Frau und das Kind schubste ich hinein, ich blieb draußen hinter einer Wand liegen, im Keller gab es keinen Platz mehr.

Die Hölle des Granatierens dauerte bis 19.30h. Dann haben die Männer des Dorfes beschlossen, sich zu ergeben. Sie haben uns einen Anwohner geschickt mit der Nachricht, daß uns nichts passieren werde, und daß wir uns alle auf die Straße begeben sollen, die durch ein serbisches Dorf nach Doboj führt. Ich habe darüber nachgedacht, mit meiner Familie zu fliehen. Viele redeten mir ein, es nicht zu tun. Alles um mich herum hat gebrannt. Ich habe beschlossen, mit den Leuten und meiner Familie entlang dieser Straße zu gehen. Auf beiden Seiten der Straße standen Soldaten.

Als ich bei meinem Haus vorbeiging, habe ich einen Soldaten gebeten, hineingehen zu dürfen, um etwas Kleidung zu holen. Er sagte mir, daß ich es sowieso nicht mehr brauchen würde.

Am Ausgang von Grapska: Panzer, Militärtransporter, Soldaten. Man hat uns durchsucht. Sie haben uns Geld und Schmuck abgenommen. Dokumente haben sie nicht genommen. Da haben sie auch meinen Nachbarn, K. B., umgebracht, er hatte eine Uniform an.

In Begleitung von Soldaten marschierten wir zum serbischen Dorf, Kostajnica. Obwohl sie uns gesagt haben, daß nichts passieren werde, haben sie brutal Frauen und Kinder von erwachsenen Männern getrennt.

Serben, Nachbarn, habe ich nicht erkannt, aber nach dem Akzent derer, die auf uns schrien, waren das Soldaten aus Serbien. Frauen und Kinder haben sie in Bussen weggefahren und uns Männer in eine Grundschule gesteckt. Die jüngeren Männer in einen Klassenraum und uns, etwa 600, in einen anderen. Wir standen. Es war anstrengend, stickig. Durstig und sie geben kein Wasser. Sie erlauben es auch nicht, die Fenster aufzumachen.

An diesem Abend kommt Nikola Jorgic, er hielt eine Liste der Menschen in Grapska, sagte, wer auf der Liste sei und sich ergeben habe, dem werde es gut gehen. Er hat sich als der Kommandant der serbischen Befreiungseinheit vorgestellt. In Wirklichkeit war er ein großer Krimineller. Gut bekannt, jedem von uns, lebte und arbeitete er in Deutschland.

Am selben Abend fuhr ein Panzer mit Soldaten darauf vorbei, sie provozierten und schrien. Sie feierten den Sieg über die Zivilisten in Grapska. Eine schwere Nacht. Am nächsten Morgen fuhren sie uns auf den Schulsportplatz. Sie haben uns mitgeteilt, daß sie die Frauen und Kinder zum nächsten moslemischen Dorf gefahren und da gelassen haben.

Obwohl sie uns gesagt hatten, daß nichts passieren werde, sagten sie uns, dass wir "Kriegsgefangene" seien. Auf dem Sportplatz standen wir den ganzen Tag. Am Abend brachten sie uns in ein Militärmagazin, genannt "Bare". Die Baracke war leer. Unten Beton, oben ein Dach. Sie befahlen uns reinzugehen.

Wir waren still. Wieder ohne Nahrung und Wasser. Der Magazin war viel größer als der Schulraum. Wir legten uns hin, einer neben den anderen auf den Beton. Am nächsten Morgen kommt in die Baracke ein Lehrer, der früher in Grapska unterrichtete, Milan Tadic. Er hat sich als Kommandant des Lagers in Bare vorgestellt, er hat uns auch gesagt, daß uns nichts passieren werde. Bei ihm in Begleitung war auch sein Sohn, Jovan Tadic, welcher der Kommandant der Polizei und der Wachen sein sollte. Ich hatte mich mit Jovan (Jovo) immer gut verstanden.

Als sie mit der Geschichte fertig waren, daß wir uns keine Gedanken machen sollen, beim Hinausgehen, hat die Polizei sechs Männer nach draußen vor die Baracke geführt. Sie haben sie geschlagen, wir haben die Schreie gehört. Sie haben sie irgendwohin gebracht, auch heute weiß man nicht wohin.

Am nächsten Tag habe ich Jovan getroffen, der so tat, als ob er überrascht wäre, mich zu sehen, aber er sagte mir, ich solle mir keine Sorgen machen und daß wir bald heim nach Grapska zurückkehren könnten. Er wollte von mir mein Devisensparbuch haben, damit er das Geld von der Bank abheben und es für mich aufbewahren könne. Ich gab es ihm nicht, er sagte etwas, daß dieses Geld sowieso nichts mehr wert sein werde.

Bald wurde ich einem "Ermittlungsrichter", Ivan, zum Verhör vorgeführt. Er gab mir ein Blatt und einen Bleistift, damit ich die Namen von 30 Serben schreiben könne, die ich umgebracht hätte. Ich sagte nichts und guckte nur. Dieser "Ermittlungsrichter" wußte auch, daß ich nichts solches getan hatte. Dann kam ein Soldat zu mir und hielt mir eine Pistole an die Schläfe. Er hat mir gedroht, daß er mich umbringen werde, wenn ich nicht schreibe. Er entfernte sich vom Tisch. Der "Ermittlungsrichter" sagte mir dann: ”Da siehst du es, er macht keine Witze, er wird dich umbringen, er ist verrückt, kommt aus Banja Luka. Und doch, wenn du schreibst, lassen wir dich vielleicht frei. Wenn nichts anderes, schreib zumindest, wer von euch Waffen hatte." Auch davon wußte ich nichts. Den ganzen Tag stand ich neben einer Wand der Baracke. Am Abend haben sie mich wieder in die Baracke reingebracht.

In den Baracken verbrachte ich 14 Tage, ohne Nahrung, Wasser, ohne Hygiene.

Am 25. Mai, früh am Morgen, zwischen 4 und 5 Uhr,  wurden wir mit Lärm und Flüchen aufgerufen, direkt in die Busse, die vor der Baracke standen, zu steigen. Die Busse waren umgeben mit bewaffneten Wachleuten. In vier Busse genau 224 Mann. Sie haben uns befohlen, den Kopf nach unten zu senken und die Arme auf den Rücken zu legen. Wir sind losgefahren, wußten nicht wohin. Unterwegs hat mein Kollege seinen Arbeitskollegen, einen Serben, erkannt, der einer der Wachen im Bus war. Von ihm haben wir erfahren, daß wir zu einem Gefangenenaustausch nach Banja Luka fahren würden.

Statt dessen führte uns der Weg nach Stara Gradiska. Als wir vor diesem für sein Übel bekannten Gefängnis ankamen, sagten sie uns, daß wir keinen Platz hätten, daß alles belegt sei und wir warten müßten. Wir haben ungefähr 30 Minuten lang gewartet, und dann kam ein Polizist in den Bus rein. Er sagte, er heiße Fadil Bula, später haben wir erfahren, daß er Zeljko Bulatovic heißt. Er hat uns alle, einen nach dem anderen, durchsucht.

Dann kam ich an die Reihe. In den Händen hielt ich meine Dokumente und einen Kugelschreiber, der grün gefärbt war. Er hat den Kugelschreiber genommen und zu mir gesagt, daß ich ein "Balija" wäre und zwar ein echter. Er hat mich stark in den Bauch geschlagen, ich fiel hin. Wegen seinem Brüllen mußte ich wieder aufstehen, ich kam zu mir.

Als er alle durchsucht hatte befahl er, daß man immer in 10-Männer-Gruppen aus dem Bus steigen solle. Er befahl, den Kopf zu senken, Hände auf den Rücken und geradewegs auf die Tore des Gefängnisses zuzulaufen. Das Tor war zu, also ist der erste in der Kolonne gegen die Tür gelaufen und die anderen gegen den, der vor ihnen stand. Von der Seite hört man einen Wachmann, wie er sagt: ”Nicht dahin, ihr braucht immer noch einen Passierschein.” Sie haben uns an die Wand des Gefängnisses aufgestellt, sie haben uns befohlen, die Hände an die Wand zu heben. Und dann bringt der Kommandant der Polizei Hunde, sie haben uns nicht erreichen können, aber wir hatten große Angst.

Nachdem wir auch das ausgehalten hatten, befahlen sie uns, in das Gebäude reinzugehen. Wir liefen die Treppe hoch in das erste Stockwerk. Und dann irgendein Knall, Rauch, wir sehen nicht, wohin wir laufen. Der Gang ist voller Polizisten. Sie schlagen uns mit Füßen, Händen, Knüppeln, womit sie uns auch immer erreichen. Mit noch 29 meiner Mitbürger bin ich im Zimmer Nr. 8 untergebracht worden.

Nach dem Lärm auf den Gang und der Treppe wußten wir, daß sich die anderen Zimmer auch füllen. Uns wurde befohlen, uns an die Wand zu stellen, mit dem Gesicht zur Wand, Hände auf den Rücken. Die Tür haben sie verschlossen. Wir waren still. Aus den anderen Zimmern hat man schmerzhaftes Schreien gehört. Man hat sie geschlagen. Nicht sehr lange danach kommen auch wir an die Reihe. Mehrere Polizisten kommen ins Zimmer und schlagen uns von hinten. Sie schlagen solange, bis wir umfallen. Als sie mit dem Durchprügeln fertig waren, hielten sie uns einen Vortrag, wie wir uns zu verhalten haben. Wir müßten streng das tun, was sie uns sagten.... Hauptsächlich dürfe man keine Geräusche von uns hören, daß wir reden und wenn jemand zur Tür reinkommt, sofort aufstehen und sich zur Wand umdrehen, den Kopf senken und Hände auf den Rücken. Am Ende, durch eine Zufallswahl haben sie einen Zimmervorgesetzten gewählt, und dann haben sie ihn gut durchgeprügelt, damit wir anderen wissen, wie es uns ergehen wird, wenn wir uns nicht richtig verhalten. Sie sind weggegangen.

Bald danach kommt eine andere Gruppe rein. Wir stehen schnell auf und machen das, was uns die vorigen gesagt hatten. Sie lachen, mit der Frage, wer uns gesagt habe aufzustehen. In der Angst erklären wir, daß wir vor ein paar Minuten einen solchen Befehl erhalten haben. Einer von ihnen sagte, daß er der Kommandant des Gefängnisses wäre und daß wir nicht mehr aufstehen müssen, sondern ruhig sitzen bleiben und schauen, wer reinkommt. Sie gingen mit Gelächter fort. Und wirklich, nach 15 Minuten kommt eine neue Gruppe von 5 Wachleuten rein. Wir saßen so, wie uns der Kommandant gesagt hatte. Wir sahen sie an. Sie, verwundert, warum wir nicht aufgestanden sind, prügelten auf uns ein wie die Tiere ein. In diesem "Durchprügeln" hat man mir die Nase gebrochen und meine Iris ist geplatzt. Sie verließen uns.

Später kam eine junge Dame herein, eine Krankenschwester und fragte, ob jemand verletzt sei. Ich meldete mich. Sie gab mir die Nr. 8, so hieße ich. Später kam ein Wachmann rein, um mich zum Arzt zu führen. Während wir auf dem Gang zum Arzt waren, drohte er mir, nicht dem Arzt zu erzählen, was mir passiert sei. Ich habe dem Arzt trotzdem erzählt, daß er nicht denken solle, daß ich die Treppe runtergefallen sei.

Auf Einwände des Wachmanns, daß ich nichts erzählen solle, reagierte der Arzt, daß er trotzdem ein Mensch sei, der den Menschen hilft.

Als ich in das Zimmer zurückging, schubste mich der Wachmann grob ins Zimmer. Ich bin hingefallen. Dann fragte er, ob es sonst noch Kranke gebe, keiner meldete sich.

Am 27. Mai '92, Aufruf: Aus meinen Zimmer wurde ich als erster aufgerufen, ich bin raus gegangen. Als wir auf den Gang gingen, hat mich der Wachmann eingeweiht, was ich allein zu sagen habe. Wenn ich alles zugäbe, was sie mich fragten, dann werde es besser für mich sein. Wir kommen zum "Ermittlungsrichter". Er hat mich dasselbe gefragt wie der in "Bare", dasselbe Szenario. Auch ihm habe ich gesagt, daß ich nichts weiß, außer daß durch unser Dorf maskierte Banden durchfuhren. Ich dachte er sei ein Mann von Recht und Ordnung. Aber das hat ihn sehr wütend gemacht, weil die serbische Armee keine maskierte Bande sei.

Nach vielen Fragen und Unterstellungen hat er sich entschieden, mich ins Zimmer 9 zu stecken. Er sagte mir, ich solle mich erinnern, was er gesagt habe und ihm alles erzählen. Unterwegs sagte er zu mir, daß jeder, der in dieses Zimmer reingehe und nicht spreche, erschossen werde. Ich wurde auf die gröbste Art reingeschmissen. Im Zimmer waren schon zwei Männer drin, sie hielten ihre Arme an der Wand. Mir hat er auch befohlen, mich zwischen sie zu stellen und die Arme an die Wand zu heben. Ich hielt sie sehr lange, ich begann, steif zu werden. Die Arme sind mir eingeschlafen und begannen die Wand runterzurutschen. Ich habe sie kurz runtergelassen, um mich auszuruhen. Er hat mich anscheinend durch den Türspion gesehen, er kam rein und verprügelte mich noch einmal. Ich hatte Angst, die Arme wieder runterzulassen. Jede 10 Minuten haben sie einen Befragten reingetan. Alle hatten das gleiche Schicksal, zuerst Schläge und dann die Arme hoch. Gegen 14.00h brachten sie das Essen rein. Das war eine Suppe und eine kleine Schnitte Brot. Er hat uns zwei Minuten Zeit gegeben, um das aufzuessen mit der Drohung, daß er den umbringen werde, der es nicht aufißt. Ich konnte meinen Löffel nicht in den Händen halten, sie waren steif. Ich habe die anderen gebeten, es anstatt mir aufzuessen. Sie alle haben mit den gleichen Schwierigkeiten gekämpft wie ich, doch trotzdem hat mich ein Kollege gerettet, er hat es für mich aufgegessen. Nach dem Essen mußten wir wieder aufstehen und die Arme hochheben. Wir hielten sie bis 23.00 Uhr, dann befahlen sie uns, uns hinzusetzen. Sie haben jedem von uns eine Decke gegeben, damit wir uns hinlegen konnten, wenn wir wollten. Natürlich, wir waren erschöpft, legten wir uns sofort hin. Bald darauf kam eine Gruppe Polizisten rein und traten uns so im Liegen mit den Füßen. Sie sagten, damit wir nicht vergessen, wo wir sind. Gegen 2.00 Uhr nachts Befehl: Jeder soll seine Decke nehmen und in sein Zimmer gehen.

Der schwerste Tag meines Lebens war vorbei. Ich ging zurück in mein Zimmer. Mir schien es, als ob ich in die Freiheit zurückginge. In meinem Zimmer 8 hatte niemand geschlafen, alle fragten mich, was passiert ist. Ich erzählte ihnen alles. Früh am Morgen füllten sie wieder die Zimmer auf, zu uns kamen noch 15 Männer. Sie waren sichtlich geschlagen worden, verängstigt. An jedem der folgenden Tage hat man sie geschlagen und verhört. Uns haben sie in Ruhe gelassen. Man könnte fast sagen, daß sie uns gerettet haben, das waren Leute aus Sanski Most, Kljuc.

Am 6. Juni kamen sie ins Zimmer und verlangten Geld von uns, um die Busse zu bezahlen, damit sie diejenige, die aus Grapska kamen, nach Hause fahren könnten. Wir dachten, daß es die Wahrheit wäre. Wir alle aus dem Zimmer haben unser Geld, welches wir versteckt hatten, abgegeben. Am nächsten Tag kamen tatsächlich Busse und wir, die aus Grapska kamen, konnten einsteigen. Der Weg sollte angeblich nach Teslic führen, ein Ort in der Nähe meines Heimatdorfes, wo ein Gefangenenaustausch stattfinden sollte. Über Banja Luka auf einen Berg, Manjaca. Damals hörte ich zum ersten Male etwas von diesem Berg. Unterwegs schlugen sie uns und gleichzeitig mußten wir auch singen. Es gab viele Tschetniks auf diesem Berg. Als wir mit den Bussen vorbeifuhren, drohten sie uns, allen die Kehlen durchzuschneiden.

Am Abend des 7. Juni '92 kommen wir vor irgendwelchen Rinderställen an. Diese Ställe bezeichnet der Herr Kommandant des Lagers, Bozidar Popovic, als Pavillons, nachdem er mitgeteilt hatte, wie wir uns zu verhalten haben. Sollten wir uns nicht nach seinen Regeln verhalten, werde uns ein bitteres Schicksal ereilen. Es wurde uns befohlen, hintereinander in die Ställe zu laufen. Drinnen war es sehr dunkel, man konnte nichts sehen. Drinnen haben schon Militärpolizisten gewartet, die eine Gasse gebildet hatten. Durch diese Gasse gehend wurden wir wieder geschlagen. Wir laufen hin und her, stoßen zusammen, wissen nicht wohin. In den Mist: Sie befahlen es, und zwar auf dem Bauch sich hinzulegen mit dem Gesicht im Mist. Sie wollten nichts mehr hören, nicht mal, daß wir atmen. Als sie alle reingelassen haben, traten sie uns wieder mit Füßen. Sie ließen uns da im Mist und gingen. Wir hatten kein Wasser, ans Essen hat keiner gedacht.

Am nächsten Tag bringen sie uns Wasser, eine Tasse für vier Mann. Das Wasser war verschmutzt. Genau 72 Stunden auf Manjaca habe ich nichts gegessen.

Bald kommt es zur Bildung der Arbeitsgruppen. Es kommen schwere Tage für uns. Alltäglich verrichten wir schwere körperliche Arbeiten und es gibt sehr wenig Nahrung. Mißhandlungen sind an der Tagesordnung. Als erstes mußten wir den Mist aus den Ställen wegschaffen und sie haben einen Kies reingetan, darauf haben wir geschlafen. Wir hatten nicht genügend Decken und die Nächte auf Manjaca waren sehr kalt.

Am 7.Juli kommt zum ersten Mal das Internationale Rote Kreuz. Die Lage verbesserte sich ein wenig. Wir hatten mehr Decken und die Nahrung, die das Rote Kreuz bringt, die nehmen die Tschetniks für ihre Bedürfnisse. Aber einen Teil davon geben sie auch uns. Wegen der schweren körperlichen Arbeit und der schlechten Ernährung bin ich von 73 auf 38 Kilo gefallen. An diesen Tagen kommt, nach sechs Versuchen, ein Mann für Menschenrechte: Masovjetzki (der ehemalige polnische Außenminister, Anm. K.-D. Grothe). Als er uns sah, mußte er weinen. Er suchte jemanden, mit dem er sprechen kann, aber jemanden, den er selbst aussucht. Das haben sie ihm nicht erlaubt. Er bat, mindestens 20 Menschen, die am schwersten betroffen waren, freizulassen. England hatte sich damals angeboten, 20 Menschen von Manjaca aufzunehmen. Sie haben 40 rausgeführt, ich mit in der Gruppe. Aber beim Militärarzt bin ich weggefallen, er sagte mir, ich wurde unterwegs sterben, angeblich würde ich die Reise nicht überstehen. Ich wurde wieder in den Stall zurückgeführt.

Die Qualen gingen weiter, das Brot, das das Rote Kreuz oft brachte, gaben sie uns nicht. Sie warfen es in die Tonnen mit den anderen Essensresten und fütterten damit die Schweine. Eines Tages mußte ich auch gehen und die Schweine füttern. Ich habe mit den Schweinen um das Brot gekämpft, was sollte ich machen, der Hunger war stärker.

Es war schrecklich, viele Männer haben sie ins Einzelhaft gesteckt und dort geschlagen. Nach dem Durchprügeln brachten sie sie wieder in die Ställe zurück. Ein junger Mann von etwa 26 Jahren unterlag mitten unter uns seinen schweren Verletzungen.

Wir mußten vorsichtig sein in unseren Gesprächen mit den Vertretern der humanitären Organinisationen. Jeder, der mit ihnen sprach, wurde später von der serbischen Polizei bestraft.

Eine gute Nachricht bringt uns das Internationale Rote Kreuz, Manjaca wird am 14. Dezember aufgelöst, wir waren glücklch. Doch einen Tag zuvor trennen die Serben 531 Mann, Moslems und Kroaten, und mit schwer bewaffneter Polizei treiben sie uns in zehn Busse rein. Wir verlassen Manjaca. Sie sagten, dass sie uns zu einem Gefangenenaustausch nach Bijeljina fahren.

Ich habe ihnen nicht geglaubt. In diesem Moment war ich ein unglücklicher Mann, ich hatte alles vergessen, dass ich Mutter, Frau und Kinder habe. Ich konnte mich auch nicht erinnern, wie sie heißen. Wir sind sehr lange gefahren, am Abend kamen wir in Bijeljina an, auf eine Farm für Landwirtschaft, "Batkovici ". Riesige Hangars, sie dienten zur Unterbringung von landwirtschaftlichen Maschinen. Da sollten wir untergebracht werden. Wir sind einzeln aus dem Bus ausgestiegen, kamen vor das Tor des Hangars und vor dem Tor, auf einem Plateau, haben wir uns aufgestellt. Wie ein serbischer Held stand da Zeljko Raznatovic Arkan. Er sagte uns, daß wir uns nicht zu fürchten brauchten, daß wir zu ihm gekommen seien, um uns zu erholen. Dann ließ er uns rein und stellte uns auf der einen Hälfte des Hangars nebeneinander auf. Er ging die Reihe entlang und sah sich jeden einzelnen an. Er fragte uns, ob wir ihn kennen. Wir taten so, als ob wir ihn nicht kennen würden. Ich habe ihn im Fernsehen gesehen. Plötzlich fing er an, einige mit Händen zu schlagen, mir hat er nichts getan. Als er sich beruhigte, sagte er, daß uns niemand mehr schlagen würde und daß nur er das Recht hätte, uns zu schlagen. Als er rausging, fingen wir an, etwas lauter in der Reihe zu kommentieren. Nachdem uns die Wache, die um den Hangar stand, verwarnt hatte, waren wir still. Das große Tor des Hangars war eine Schiebetür, sie öffneten es nur 10cm weit. Von draußen kam ein Lichtstrahl durch diese Öffnung rein. Uns von Manjaca befahlen sie, sich im Kreis zu bewegen. Auf ihr Zeichen, Halt!, hielten wir an und wen der Lichtstrahl erfaßte, der mußte rausgehen. Er gehe zu einem Gefangenenaustausch, sagten sie. In dieser Nacht sind ein paar Männer rausgegangen, sie kamen nie wieder zurück und zwischen den Lebenden sind sie auch nicht. "So macht es Arkan," sagten die Wachen

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Ich war nicht sehr lange in Batkovici, drei Nächte. Die dritte Nacht, früh am Morgen, wieder Bewegung. Diesmal sind wir nur 121, der Rest blieb. Draußen waren vier Busse mit echten Tschetniks.

Sie hielten Messer in den Händen und schärften sie. Sie sagten uns, nichts zu machen, sonst würden sie uns die Kehlen durchschneiden, wenn auch nur einer irgendwas versuchte. Die Fahrt war anstrengend, der Weg führte über irgendwelche Berge, nach Sarajewo. Auf einem Berg über Sarajewo hielten sie die Busse an. Uns haben sie rausgetrieben, es war sehr kalt. Sie haben uns neben den Bussen aufgereiht und zeigten uns 12 Leichen, die nebeneinanderlagen. So würde es uns allen ergehen, sagten sie uns.

Wir stiegen wieder in die Busse rein und fuhren geradewegs in ein Gefängns namens "Kula", unweit von Sarajewo. Wir wurden dem Gefängnis übergeben; in den Zimmern gabt es nichts. Müde wie wir waren, legten wir uns auf den Boden. Sie gaben jedem von uns eine Decke. Ohne Abendessen, sie sagten, wir seien schon daran gewöhnt. Das Zimmer war klein, wir 30 darin. Einer neben dem anderen, wie die Sardinen aus der Konserve. Es ist kalt und wir eingesperrt.

Sie geben uns kein Wasser und kein Essen, sie hätten keines, sagten sie, es sei Krieg. Den ersten Monat völlig eingesperrt und von den anderen isoliert, wir sehen sie nicht mehr. Wenn sie uns zum Frühstuck führen, dann nur Zimmer für Zimmer. Zum Frühstuck nur Tee, Mittagessen etwas Brot und verdorbene Nahrung. Abendessen gibt es nicht. Nach einen Monat sagten sie uns, daß wir arbeiten können, an der Kampflinie, dort gibt es was zu essen. Wir haben uns darum gerissen arbeiten zu gehen, nur weil wir hungrig waren. Wir haben ihnen die Gräben ausgegraben und sie gaben uns was zu essen.

1993. Es sind schwere Kämpfe um Sarajewo, und dann fingen wir an, unsere Leute zu verlieren, Gefangene. Sie starben; wir gingen ungern zur Arbeit, doch diesmal zwangen sie uns. So traf ich eines Tages meinen ehemaligen Direktor aus der Firma, Veljko Lubura. Er war überrascht, als er mich sah. Er war der Kommandant einer Panzereinheit. Er zerstörte die Siedlung am Flughafen, er gab mir zwei Zigaretten. Ich habe ihn gebeten, mir zu helfen, er versprach es mir. Doch bei einer Zusammenkunft sagte mir der Kommandant des Gefängnisses "Kula", den sie "Sonnyboy" nannten, daß sie mich niemals freilassen würden.

Später habe ich in der Werkstatt des Gefängnisses gearbeitet. Der Chef der Werkstatt hieß Slobodan Trifkovic. Er erzählte mir, daß mein früherer Freund und Direktor gar nicht so Gutes über mich denke und Slobodan selbst dachte, daß es keine Rettung für mich gäbe. Ich war lange in "Kula", am längsten von allen Lagern. In diesem Gefängnis waren auch Kinder, Frauen und alte Menschen eingesperrt. Eine junge Lehrerin aus Rogatica haben sie vergewaltigt, sie brachte ein Kind zur Welt. Und dieses Baby war auch ein Gefangener.

Uns zwangen sie, weiter zu arbeiten und wenn es starke Kämpfe gab, benutzten sie uns als Schutzschilde. Während der Kämpfe mußten wir ihre Verletzten und Toten rausbringen. Während einer Aktion waren wir selbst Opfer dieser Aktion geworden, von 30 Leuten sind nur wir drei unverletzt geblieben. Mit jedem Tag war es immer schwerer. Wir alle haben uns gefürchtet, in diese Aktionen zu gehen, aber wir hatten keine andere Wahl. Wen sie bestimmen, der geht auch.

Nach "Kula" kamen auch Reporter. Einer von ihnen war der ehemalige "TV-JUTEL" Reporter, Knezevic. Er trug ein ZDF-Zeichen und stellte sich als ein Reporter aus Deutschland vor. Im Gefängnis war auch ein Deutscher gefangengehalten worden, Oliver Schweikhard. Dieser Reporter machte sozusagen eine Reportage für ZDF und befragte Oliver. Nach dem Gespräch hatte auch Oliver den Verdacht, daß es sich nicht um einen Deutschen handelte. Ich selbst machte Oliver vorher darauf aufmerksam, daß es sich um einen serbischen Reporter handelte, und daß er aufpassen sollte, was er sagt, sonst könnte es schlimme Folgen für ihn haben. Als er selbst sah, daß seine Tarnung aufgeflogen war, fragte mich persönlich dieser Reporter, Knezevic, ob ich hoffte, jemals aus diesem Gefängnis rauszukommen. Ich sagte ihm, daß ich es hoffte, anderenfalls würde ich mich umbringen. Daraufhin sagte er zu mir: "Dann bring dich doch um, ich sage dir, daß du niemals rauskommen wirst."

93 war ein schreckliches Jahr. Jeden Tag verloren wir Leute. Aus Grapska sind 12 Männer gestorben. Sie führten uns auf die Minenfelder, hauptsächlich dorthin, wo sie unsicher waren durchzugehen.

Wenn wir gesagt haben, daß wir krank wären und nicht arbeiten könnten, dann wurden wir von dem Kommandant der Wachen, Nedjo Milanovic, geschlagen und mußten trotzdem wieder auf die Arbeit gehen. Später hatten wir Angst zu sagen, daß wir krank wären. Eines Tages wurde ich an meinem rechten Auge verletzt, es war sichtlich gerötet und geschwollen. Ich hatte Angst, es ihnen zu sagen, doch sie brachten mich von alleine in die Ambulanz.

In der Ambulanz arbeitete ein Medizintechniker, der sich als Arzt vorgestellt hatte. Er nahm ein Stückchen Papier und stocherte damit in meinem Auge. Er hat mir kein bißchen geholfen, die Lage verschlechterte sich nur. Dann entschied er sich, mich nach Sokolac ins Krankenhaus zu schicken. Eine junge Frau, die gerade Ärztin geworden war, kümmerte sich um mich. Nach der Behandlung sagte sie, daß man mich alle drei Tage zur Behandlung  bringen müsse, der Wachmann hat sich geweigert und schlug der Ärztin vor, mir lieber das Auge rauszunehmen.

Zornig sagte sie ihm, daß sie eine Ärztin sei und den Menschen helfe und wenn er das Auge raushaben wolle, dann solle er es selber machen.

Er führte mich durch "Pale" zurück, dem Ort, der als Sitz allen Übels bekannt ist. Da ließ er mich in der Polizeistation, er sagte, er hole mich schnell ab. Zwei Polizisten steckten mich in die Einzelzelle, ein kleines Zimmer mit einem kaputten Bett. Ich war müde und erschöpft, ich legte mich hin und bin auch bald eingeschlafen. Mit großem Lärm und Schreien fielen diese zwei Polizisten in die Zelle ein, sie schlugen mich, weil mir niemand erlaubt habe zu schlafen. Und dann, als ob sie sich darum kümmern würden, fragen sie mich, was mit meinem Auge passiert wäre. Ich sagte ihnen, daß es weh täte, und daß ich beim Arzt gewesen sei

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"Siehst du, wir heilen euch auch noch", war ihre Bemerkung. Aus diesem Gefängnis holte mich der Verwalter von "Kula" ab, angeblich sich sorgend, was ich in Pale mache.

Die Gefangenentage gingen auch weiter mit Quälereien und Erniedrigungen. Oft habe ich mehr gemocht, daß sie mich durchprügelten als daß sie mich erniedrigten. Sie nahmen mich mit, um ihre verstopften WCs zu säubern. Sie gaben mir Schnaps zu trinken, und zwar ein ganzes Glas auf Ex. Hungrig und erschöpft war ich schnell betrunken. Wenn sie mich ins Gefängnis zurückbrachten, quälten mich die Wachen, warum ich betrunken wäre.

'Im Mai 94 rufen sie mich und noch drei heraus, sie befahlen uns, unsere Sachen zu packen. Ich habe nicht gepackt, ich hatte auch nichts. Sie sagten, daß wir in die Freiheit gingen, ich glaubte ihnen nicht und ich hatte Recht. Anstatt der Freiheit, Umquartierung. Der Weg führte nach Rudo, einem Ort an der Grenze zwischen Bosnien und Serbien. Meine drei Kollegen weinten, ich war still. Zoran, der Mann, der uns nach Rudo fuhr, fragte mich ob ich denn keine Angst hätte, nach Rudo zu gehen. "Nach allem, was mir passiert ist, kann mir nichts Schlechteres mehr passieren", sagte ich zu ihm. Unterwegs versprach er mir, daß er mich persönlich in zwei Monaten abholen und ich frei sein würde.

In Rudo wurden wir im Keller eines Theatergebäudes untergebracht, es war dunkel und feucht. Dieses Lager führte Dragoljub Milicevic, er war gut. Wir hatten genug zu trinken und zu essen. Wer arbeiten wollte, konnte noch mehr essen. Hauptsächlich arbeiteten wir auf den Feldern von Priboj, welches sich in Serbien befindet.

In Rudo hat uns niemand geschlagen oder gequält. Genau am 58. Tag, seit ich in Rudo bin, kommt dieser Zoran und fragt nach mir. Ich meldete mich. "Wir gehen in die Freiheit, R....", sagte er. Und alle aus Grapska, die in Rudo sind, nimmt er mit in die Busse und dann Richtung Sarajewo. Er bringt uns nach "Kula" zurück! Als er wegging, sagte er zu mir, daß ich am Nachmittag ausgetauscht würde. Ich glaubte ihm nicht.

Es war Sonntag, den 17.  Juli '94. Es tritt ein Durchruf für einen Gefangenenaustausch ein. Ich bin der zweite auf der Liste. Wir 15 sind auf den Gang rausgegangen und warteten. Ich betete zu Gott, daß mein ehemaliger Direktor, Lubura, und der Gefängnisverwalter, "Sonnyboy" nicht im Gefängnis erschienen. Sie hätten mir sicher nicht erlaubt rauszugehen. In einen Minibus, nur der Busfahrer und wir. Geradewegs zur Brücke "Brastvo i Jedinstvo" ("Brüderlichkeit und Einheit") in Sarajewo, da ist der Austausch. Wir sind angekommen, prüfen der Listen, alles dauerte sehr lange.

Der Austausch glückte trotzdem.  Nach 799 Tagen bin ich doch frei.

Obwohl mich beim Losfahren aus "Kula" der Kommandant der Wachen, Nedjo, mit drohender Stimme gewarnt hatte, nichts zu sagen und alles was ich gesehen habe, nicht gesehen habe, und daß es für mich besser wäre, niemandem etwas zu erzählen, und daß, wie er sagte, die Welt klein sei und man sich wieder treffen könnte, habe ich mich doch entschieden nach 5 Jahren etwas zu erzählen.

In der Freiheit war alles anders als was sie uns erzählt haben. Die Situation war viel besser als sie es uns erzählt haben. Ich gewöhnte mich schwer daran, ich habe kaum meine alten Arbeitskollegen erkannt. Ich erfuhr, daß sich meine Familie in Wetzlar befindet. Ich bekam die notwendigen Papiere und zwei Monate nach meiner Freilassung traf ich meine Familie wieder.

Was denke ich heute darüber? Nichts! Ich kann einfach die Freunde, die ich vor dem Krieg hatte, nicht verstehen, die mir im Krieg helfen konnten und es nicht getan haben, die mir einen Teil meines Lebens zerstörten, die mir total mein Privateigentum zerstörten, die auch heute an der Macht in unserer Gegend sind und es verhindern, daß wir nach hause zurückkehren können. Ich kann nichts Gutes von ihnen denken.

Oft bin ich unsicher, ein Mensch, der manchmal niemandem glaubt. Hier in Deutschland bin ich ein Flüchtling. Ich existiere nirgendwo. In der Republika Srpska gibt es mich nicht und in der Föderation habe ich nie gelebt.

Werde ich mich in das neue Leben einfügen? Das weiß ich nicht. Für einen neuen Anfang ist es vielleicht zu spät. Eigentlich bin ich gar nicht so wichtig, viel mehr mache ich mir Sorgen über meine Kinder. Ihnen muß man den richtigen Weg in diesen schweren Zeiten zeigen, aber wie?...

Das ist das Einzige, was mich am Leben hält. Denn in den Konsequenzen des Krieges zu ]eben, wo ich neben meinen Privateigentums auch 17 Mitglieder meiner Familie verloren habe, ist sehr schwer. Ich wünschte, meine Kinder würden in besseren Zeiten leben, ich wünschte, die ganze Welt würde in einer Zeit ohne Armeen leben.

Ich wünschte, daß alle Politiker, die Übel über ein Volk bringen, von dieser Welt verschwinden würden.

Und ich, wie auch immer es mir in dieser Welt geschieht, es ist mir egal................................