ZEUGNIS VON R. A., Jg. 1982

Ich heiße R. A., geboren am xx.xx.1982, Bosanska Novi, in der Nähe, wo ich gewohnt habe. Früher habe ich immer mit Cousins und Freunden Fußball gespielt, dann kam halt 92 der Krieg, hat angefangen, da haben die Serben auch uns abgegriffen in unserem Dorf, da waren auch andere Menschen, nicht nur wir aus unserem Dorf. Dann kamen die Serben zu unserem Haus. Wir mußten raus, dann gingen wir auf so eine Wiese, mußten uns in eine Reihe stellen danach gingen wir zu der Schule, auf der ich war. Bei der Schule saßen wir da, weil es geregnet hat. Als es aufgehört hat zu regnen, mußten wir weiter an der Straße laufen, da kam man zu einer Kreuzung , an der man zu uns kommen kann, dann wurden die Männer von den Frauen und Kindern getrennt.

Frauen und Kinder gingen weiter, die Männer mußten dort bleiben, mußten ihre Papiere zeigen. Wer die Papiere gezeigt hat, konnte weitergehen.

Mein Vater mußte mit seinem Freund da bleiben, die anderen konnten gehen. Mein Vater war bei denen nicht beliebt. Die haben alle gehen lassen, meinen Onkel zuletzt, dann sagten sie zu meinem Vater und seinem Freund, sie könnten auch gehen, dann wollten sie gehen und dann schossen sie auf sie...und töteten sie.

Es kamen andere Menschen aus unserem Dorf und mußten sich auf die Straße legen. Sie machten einen Panzer an und dann kam ein Soldat, der sagte: "Mach den Panzer aus und laßt die Leute weitergehen!" Die machten den Panzer aus, ließen die Leute weitergehen und wir gingen mit ihnen mit, dann kamen wir zu einer Brücke und ein Soldat sagte, wir sollten alles abgeben. "Wenn ihr nicht abgebt, werdet ihr durchsucht, wenn man etwas finden, werdet ihr gleich erschossen." Dann haben wir alles abgegeben und sind weiter, dann kamen wir in eine Fabrik.

Frauen und Kinder mußten hinein und die Männer waren draußen. Ich weiß nicht genau, was draußen passiert ist, denn wir waren ja drinnen. Es hat sich herumgesprochen, daß einer erschossen wurde, auch ein paar geschlagen wurden, dann waren wir ungefähr zwei bis drei Stunden in der Fabrik.

Dann kam ein Zug, der war nicht normal, sondern für Tiere. Dann mußten wir in den Zug einsteigen. Dann wurden drei bis vier Waggons für die Männer ausgesucht, wo die Männer rein gehen sollten, wieder von den Frauen und Kindern getrennt. Dann sind wir mit dem Zug weitergefahren: Prijedor, nach Banja Luka und von Banja Luka nach Doboj, da wurde noch mal angehalten, da wurden die Männer von den Frauen und Kindern getrennt, die durften weiterfahren. Die Männer sind zurückgefahren. Wir kamen mit den Frauen in der Nähe von Doboj an, dann mußten wir über so eine kleine Brücke laufen, neben der Brücke war ein bosnisches Dorf. Die Serben wollten die jungen Frauen aus der Kolonne rausnehmen, damit sie dableiben, aber dann hat man gerufen: "Laßt alle Leute durch!", dann haben sie die Leute durchgelassen. Dann blieben wir einen Tag in diesem Dorf. Am nächsten Tag war bosnischer Feiertag, Bajram, dort wurden wir mit Traktoren, Lkws und Bussen weiter transportiert nach Sanski Brod, da sind wir auch ein paar Tage gewesen.

Da hat halt eine Verwandte von meinem Opa aus Kroatien angerufen, gefragt, ob wir da sind. Dann sind wir weiter mit dem Bus nach Kroatien gefahren, dann waren wir bei den Verwandten in Zagreb zwei bis drei Monate und dann kam der Onkel aus dem "Urlaub", er war in Bosnien, Skenobi, mußten auf dem Fußballplatz da stehen, die Männer, die zurückgeblieben sind. Und dann haben sie die freigelassen, dann kamen die.

Karlovaz hat uns angemeldet nach Deutschland zu gehen. Nach einem Monat kamen wir in Busse, die uns zum Bahnhof in Karlovaz fahren sollten, dann mußten wir in die Busse einsteigen. Am Bahnhof sind wir in die Züge eingestiegen. Mit dem Zug sind wir nach Deutschland gekommen. In Deutschland sind wir in die Sixt-von-Arnim-Kaserne gekommen. Da habe ich vier Jahre gelebt und jetzt lebe ich in einer Wohnung mit meinen Großeltern, schon fast vier Jahre. Ich spiele hier gerne Fußball und habe hier schon gute Freunde gefunden, habe gut Deutsch gelernt. Ich kenne mich halt hier gut aus, bin hier fast mein halbes Leben lang.

Ich weiß nicht, was ich noch erzählen soll.

Wann hast du zuletzt deinen Vater und deine Mutter gesehen?

Meinen Vater habe ich 1992 zum letzten Mal gesehen, wo er halt erschossen wurde, das war das letzte Mal. Meine Mutter habe ich seit 1990 ungefähr nicht gesehen, weil, meine Mutter hat ja noch mal geheiratet, Mutter und Vater waren ja geschieden. Da haben mich die Großeltern aufgenommen, da war ich noch sehr klein, seitdem habe ich meine Mutter nur ein paarmal gesehen, zwei- bis dreimal, und seitdem habe ich sie nicht mehr gesehen. Ich habe jetzt gehört, daß sie in Slowenien lebt, aber ich weiß es nicht, wo genau. Ich habe gehört, daß ich zwei Stiefschwestern habe, von der Mutter aus.

Als dein Vater erschossen wurde...für mich ging das so alles in einer Geschichte unter. Ich habe das gar nicht richtig mitbekommen, an welchem Zeitpunkt das war.

 Das war halt an dem Zeitpunkt, wo die Frauen und Kinder auf der Straße weitergehen sollten und da wurden gleich auch ein paar Männer hinterhergelassen, daß die auch gehen. Mein Onkel und mein Vater und von meinem Vater der Freund sind dageblieben. Die haben dann auch meinen Onkel gehen lassen und mein Onkel hat mir auch erzählt, daß die auch zu meinem Vater gesagt haben, daß er gehen kann. Die wollten halt gehen und dann haben die auf die einfach draufgeschossen.

Ja, ich war halt auch jetzt vor einem halben Monat in Bosnien, da haben die ein Massengrab aufgemacht und da war mein Vater dabei. 20 Leute mußten an diesem Tag begraben werden und haben halt auch meinen Vater begraben. Es war sehr schwer eigentlich, halt da waren Serben. Die sind da mit einem Traktor rumgefahren, haben halt gestört da und man konnten das nicht mit ansehen. Aber was soll man machen, die haben ihr eigene Polizei da. Wenn man irgendwas macht, ist man der Schuldige, nicht die. Ich meine, jetzt da zu leben könnte ich mir nicht vorstellen. In so einer Situation da zu leben, mit Serben und zusammen...Ich weiß nicht. Nur wenn ich müßte, aber sonst würde ich es nicht machen. Später vielleicht, aber nicht mit denen zusammen, weil, was man erlebt hat, kann man nicht vergessen.

Was ist das, was du nicht vergessen kannst?

Was ich gesehen habe eigentlich. Ich kann das nicht vergessen, und das wird auch mein Leben lang so sein. Das werden auch meine Kinder wissen, was passiert ist mit ihrem Opa.

Gibt es bestimmte Bilder oder Szenen, an die du immer wieder denken mußt?

Ja, schon. Ich denke auch manchmal an die Freude, die ich mit meinem Vater hatte, nur in Bosnien, das war auch das Schlimmste, was passiert ist.

Waren dein Opa und deine Oma mit dir auf dem Zug, wo ihr verfrachtet wurdet oder wart ihr getrennt in der Zeit?

Nein, ich war halt mit meinem Opa und Oma zusammen in einem Waggon. Ich war die ganze Zeit nur bei denen. Bis nach Deutschland war ich bei denen. Weil, die haben mich aufgenommen, wo ich drei Tage alt war. Seitdem kümmern die sich um mich und passen auf mich auf.

Du gehst hier noch zur Schule?

Ja, ich gehe hier zur Schule, Steinschule, zehnte Klasse. Macht mir eigentlich Spaß, weil es gibt viele Freunde da. Ich verstehe mich eigentlich gut mit denen, mit Klassenlehrerin, mit den Klassenkameraden.

Hast du Pläne für deine Zukunft, ob du in die Schule willst oder eine Lehre machen?

Ich würde gerne eine Lehre machen. Eine Lehre, wo es mir Spaß macht und ich habe schon überlegt, als Automechaniker eine Lehre zu machen. Das ist eigentlich eine schöne Arbeit, man kann dabei viel lernen.

Du erscheinst mir jetzt ganz traurig, wenn du an bestimmte Dinge denkst.

Ja, schon. Wenn ich darüber rede, dann denke ich auch daran. Das ist so bei mir.

Mit was für Gefühlen denkst du daran?

Ich weiß es nicht, eigentlich.

Das, was ich gesehen habe, ich werde das nie vergessen. Und das kann ich auch nicht vergessen, echt. Wenn man so was vergißt....

Ist dir aufgefallen, daß du so den äußeren Ablauf geschildert hast, aber nicht genau, was du gesehen hast?

Ich habe mich aber halt nur kurz umgeschaut, wo die geschossen haben. Da sah ich nur hinter meinem Onkel halt...weil es hat an dem Tag sehr stark geregnet, da war auf der Straße Wasser und so...Da habe ich halt nur hinter meinem Onkel gesehen, wie die Kugeln auf der Straße aufgeschlagen sind und mir war schon klar, was passiert ist. Weil, meine Oma hat mir eigentlich am meisten leid getan.

Hat sie sehr geweint?

Ja, ich glaube, bis wir in Deutschland waren. Überall hat sie, die konnte einfach nicht...Jeden Tag mußte sie weinen. Man darf sie nie deswegen ansprechen. Fängt gleich an zu weinen. Oder wenn sie selber drüber nachdenkt, weint sie.

Weinst du manchmal?

Schon...Meistens abends. Wenn ich darüber nachdenke. Dann wäre ich am liebsten allein in meinem Zimmer. Wenn ich darüber nachdenke...

Da hast geschildert, daß du auch an die glücklichen Zeiten mit deinem Vater denkst. Möchtest du darüber noch etwas erzählen?

Ich war meistens mit meinem Vater in der Stadt und so. Ich erinnere mich, der hat mir ein Fahrrad gekauft, und das war eigentlich das Schönste mit dem. Da, wo ich mit dem war, seine Freunde haben mich geliebt und er hat mich auch geliebt, das weiß ich. Er hat mich nie geschlagen, das wollte er nie machen.

Was empfindest du gegenüber den Menschen, die deinen Vater umgebracht haben?

Einen Haß. Was sonst. Solche Menschen muß man wirklich hassen.

Ich höre in deinen Worten aber mehr Trauer als Haß.

Ja, schon. Traurig muß man ja darüber sein. Aber das kann man nie vergessen, was abgelaufen ist. Und egal wo ich lebe, ich werde sie immer hassen. So einen Vater besitzt man nur einmal im Leben.

Du hast die Szene erzählt, daß du deinen Vater vor ein paar Tagen beerdigt hast. Wie war das für dich?

Es war eigentlich schwer. Aber irgendwann wird sich das alles zurückzahlen. Wir müssen keine Waffen in die Hand nehmen. Ich glaube an Gott. Er ist da.

Was möchtest du deinen Kindern sagen? Stell dir vor, sie sehen das in 20 Jahren.

Ich möchte Ihnen sagen, wie die Menschen sind. Und daß die mit denen eigentlich nichts zu tun haben werden. Daß sie nichts mit ihnen unternehmen oder so. An einem Tag sind sie Freunde, am anderen Feinde.

Das waren alles Nachbarn, die jeden Tag bei meinem Opa waren, nur damit mein Opa ihnen eine Axt oder etwas anderes baute (der Opa war der Dorfschmied, K.-D. Grothe). Jeden Tag waren sie da und auf einmal kannte man uns nicht mehr. Ich werde ihnen auch sagen, daß sie auf sich aufpassen sollen, wenn sie auch etwas mit den Menschen zu tun haben.

Das heißt, du sagst: "Seid mißtrauisch"?

Ja, sollen auch mißtrauisch sein. Sollen denen nicht alles glauben, was sie sagen.

Möchtest du jetzt aufhören oder willst du noch etwas sagen?

Mir ist es eigentlich egal. Ich will lieber aufhören.

Ich möchte dir noch sagen, was mir deutlich geworden ist, wenn du das so schilderst, daß deine Kindheit mit einem Schlag aufgehört hat.

Ja, schon. Das ist wie als hätte deine Kindheit aufgehört. Weil ich wirklich meinen wunderbaren Vater verloren habe.

Alles was wichtig war, ist mit einem Tag weg?

Ja, schon.

Dann war das ein großer Verlust.

Ja aber Großeltern waren immer für mich da.

Ja, aber es wird nicht mehr so, wie es vorher war?

Ja...

Ich denke, das ging bei dir alles mit einem Schlag.

Ja...

Ich weiß nicht, was ich noch erzählen soll.

(Abschrift einer Videoaufzeichnung vom 5.12.1999)