ZEUGNIS VON M. E., Jg. 1934Ich heiße M. E., ich wurde am 15.05.1934 in Moslovare in der Nähe von Bosanski Novi geboren. Ich lebte in Bosanski Novi. Ich kann sagen, daß ich mehr oder weniger gut gelebt habe. Meine Familie war ziemlich groß, da ich vier Söhne habe und sie schon verheiratet waren. Im Großen und Ganzen ging es uns gut bis zum Ausbruch des Krieges. Wir hatten ein großes Vermögen, und es ist sehr gut gewesen. Ich war Holzhändler und meine Söhne auch, einer hatte ein Restaurant gehabt.
Am Anfang des Krieges ist alles durcheinander geraten. In der Zeit, zu Beginn des Krieges, wurden in meinem Geburtsort Moslovare meine zahlreichen Verwandten, Vettern und Cousins umgebracht, sie waren 27 Menschen. Eines Nachts begann man mit dem Granatfeuer in der Stadt und es dauerte bis in den Morgen. Wir waren mit meiner Familie und der Nachbarschaft etwa 60 Leute im Keller. Da waren kleine Kinder und sogar die Babys, die erst einige Tage alt waren. Morgens kam die Armee, brach die Türe auf, trat ein und begann, uns anzuschreien und zu schießen, dann warfen sie alle Männer, die sich im Keller befanden, raus. Sie haben alle ohne Unterschied geschlagen und alle Männern malträtiert und mißhandelt, sie gaben vor, der Grund sei die Suche nach Waffen, obwohl sie wußten, daß keiner welche hatte. Sie haben das ganze Geld und alle Dokumente, die die Leuten bei sich hatten, weggenommen und danach haben sie uns in einen Bus verladen und wir wurden ins Lager geschickt. Da sind schwere Traumen. Sie suchten das, was nicht vorhanden war. Genauso wie sie mich malträtiert haben, so haben sie auch meine Söhne und alle anderen Menschen malträtiert. Es war sehr schwer, das alles ansehen zu müssen, es ist schwer, davon zu erzählen. Im Lager setzen sie das fort, uns zu schlagen und zu foltern. Es war schrecklich. Ich sah, wie meine Kinder geschlagen wurden, und dann kam ich an die Reihe. Das sind so schwere Traumen (die in meinen Organismus eingetreten sind) und so viele Demütigungen, daß man sie nie mehr vergessen kann. Sie haben uns ins Stadion eingesperrt, es war eine Hitze, daß man es kaum vertragen konnte. Es gab kein Wasser, kein Essen, wir waren draußen den ganzen Tag und nachts schliefen wir auf dem Beton. Es gab ganz wenig Platz für so viele Menschen, wir hätten ersticken können, weil es keinen Sauerstoff gab. Man lag auf dem Beton und hatte nichts, um sich zuzudecken zu können und die verschiedenen Methoden der Mißhandlungen hörten nicht auf. Es ist schwer, davon zu erzählen. Wenn ich davon ein bißchen mehr erzähle, engt es mich ein, so daß ich nicht mehr atmen kann, dann zittere ich und kann davon nicht weiter erzählen. Wenn ich nur daran denke, so überkommt mich ein Schauder, deswegen mag ich nicht davon zu erzählen. So ging es Tag um Tag weiter, bis wir nach Deutschland kommen. Und jetzt geben sie mir hier keine Ruhe. Diese Bilder kann man nicht vergessen. Am liebsten habe ich es, wenn ich allein bin. Ich mag darüber mit niemanden reden, weil, wenn ich davon erzähle, dann habe ich nirgends meine Ruhe und kann nicht schlafen. Wie?............................. Ich weiß nicht!.............. Schwer!......................... Wohin kann man zurückkehren? Dort erlauben sie es nicht, weil unser Haus besetzt ist und die Situation ist noch nicht gefahrlos. Es gibt keine Garantie, daß man ein freier Bürger in seinem Ort sein kann. Hier erlauben sie dir nicht zu bleiben. Die Situation ist sehr schwer, unlösbar. Was sein wird, weiß ich nicht. Es ist schwer, das alles zu lösen. Es wird so sein, wie es kommt, aber wie soll es weiter gehen, wenn es dir nicht erlaubt ist, in dein Haus zurückzukehren? Sogar wenn ich zusagen würde (nach hause zu gehen), es gibt keinen Platz für mich.
Wenn ich generell an die ganzen Sachen denke, die mir passiert sind, mag ich nicht darüber erzählen, weil es mir dann noch schlechter geht. Es ist schwer ansehen zu müssen, wie jemand deine Kinder schlägt und meine Kinder zusehen müssen, wie ich geschlagen werde. Das ist so schrecklich, daß man es gar nicht in Worte fassen kann. Im großen und ganzen mag ich es nicht, darüber zu erzählen. Ich ertrage es einfach nicht, davon zu erzählen. Wir waren 10 Männer aus der Familie im Lager. Wir waren 5 Brüder und meine Söhne. Das ist schwer. Die grausamen Erlebnisse kann man nicht vergessen...... Ich kann davon nicht lange erzählen. Es würgt mich........... (Herr E. hört auf, weil er sich übergeben muß). Wetzlar, 23.10.1999 |