ZEUGNIS VON M.D., Jg. 1948Wer bin ich? Ich bin ein niemand. Jetzt bin ich ein Niemand. Ich heiße M. D. Ich bin am 25.12.1948 in Kozarac geboren. Damals war dieser Ort eine Gemeinde, später haben sie uns auch die genommen. Wir wußten damals nicht, was das bedeutet, seine Gemeinde zu verlieren. Ich habe eine Grundschule, die acht Klassen beinhaltet, beendet. Ich lebte in einer glücklichen Familie mit meinen Eltern, zwei Schwestern und zwei Brüdern. Zusammen mit uns lebten noch die Kinder meines Onkels, der während des Zweiten Weltkrieges getötet worden war. Diese Kinder waren auch Mitglieder unserer Familie. Meine Mutter war eine sehr starke Frau und sie hat sich sehr um unsere Ausbildung bemüht. Dasselbe hat sie auch für die Kinder unseres Onkels getan. Sie hatte Erfolg. Ich habe meine Ausbildung an einer weiterführenden Schule in Banja Luka beendet. Dann bin ich in meinen Geburtsort zurückgekommen und habe meine erste Arbeit als Siebzehnjährige gefunden. In dieser Zeit hat meine älteste Schwester ihre Familie gegründet und wir anderen lebten zusammen mit unseren Eltern. Unser Vater ist relativ früh, 1970, gestorben. Meine Mutter ist im Alter von 46 Jahren als Witwe bei uns geblieben. Sie hat sich bemüht, uns so zu erziehen, daß wir die Menschen lieben und sie hat uns gelehrt, sie nicht nach Glauben, Nationalität oder nach Bildung, sondern nach gut und schlecht zu unterscheiden. So haben wir auch gelebt. Ich kann sagen. daß wir eine würdige Familie waren. Als mein Vater starb, ging mein jüngster Bruder in die 10. Klasse des Gymnasiums. Er hat das Studium nach vier Jahren beendet, war zurückgekehrt und hat angefangen, in Prijedor zu arbeiten. Ich habe 1976 geheiratet. Eine Zeit lang haben mein Mann und ich in Banja Luka gewohnt, sind dann aber wieder zurück zu meiner Mutter gekehrt. Es ist unglaublich und vielleicht ist es auch schwer, sich vorzustellen, daß wir alle in diesem Familienhaus gelebt haben: meine Mutter, meine zwei Brüder mit ihren Familien und ich mit meinem Mann. Wir haben einen Sohn bekommen. Es war eine schwere Geburt und mir war bewußt, daß ich keine Kinder mehr bekommen kann. Mein Kind war für mich das Wertvollste auf der Welt, dasselbe empfanden auch die anderen Mitglieder meiner Familie. Meine Schwestern und Brüder hatten alle je zwei Kinder, aber Gott wollte, daß ich ein Kind bekomme. Ich habe dann drei Jahre lang mit meinem Bruder in einer Wohnung gelebt. Das waren drei Jahre, die ich nie vergessen werde und ich hoffe, daß sie auch für meinen Mann, meinen Bruder und seine Frau unvergessen bleiben. Die drei Jahre waren wunderbar. Später haben wir ein Haus gebaut, in dem wir bis 1992 gelebt haben. Kozarac ist ein kleiner Ort. Er hat nur eine Grundschule (8 Klassen). Wir wollten unserem Kind ein angenehmes Leben ermöglichen und das konnten wir auch. Wir haben uns entschieden, ein Haus in Banja Luka zu bauen, damit unser Sohn dort mit seiner Ausbildung fortfahren konnte. Doch im Jahr 92 wurde alles unterbrochen. Mein Sohn hat seinen Abschluß gemacht (8.Klasse). Mein Mann hat uns vorgeschlagen, aus Kozarac nach Banja Luka zu gehen, doch ich habe gedacht, daß ich verpflichtet bin, weiter zu arbeiten. Bis dahin hatte ich 26 Jahre lang gearbeitet und ich habe meine Arbeit geliebt. Am 20. Mai bin ich zur Bank gegangen Auf der Straße waren Kollonen von Lastern mit Soldaten. Auf einem Laster war ein Kopf von einem Stier und es stand darauf geschrieben "Wölfe aus Vukovar" , "unsere Soldaten". Da habe ich mich noch nicht gefürchtet. Am Freitagmorgen ist mein Bruder, der in Prijedor gearbeitet hat, auf dem halben Weg zur Arbeit zurückgeschickt worden. Sie haben alle Moslems und Kroaten zurückgeschickt. Da wußten wir noch nicht, das wir von allen Seiten umzingelt waren. Am Samstag bin ich wie gewohnt zur Arbeit gegangen. Um 12 Uhr wurde ich von einer Kollegin zum Kaffee eingeladen. Auf einmal ertönten die Sirenen. Ich rannte, hatte aber Stöckelschuhe an. Ein Nachbar sagte, ich solle die Schuhe ausziehen und wegrennen. Als ich zu Hause ankam, war meine Familie schon im Luftschutzbunker. Ich habe mir dann schnell einen Trainingsanzug angezogen und bin ihnen gefolgt. Der Luftschutzbunker war voll. Kinder ohne Eltern - ein riesiges Chaos. Abends haben wir schon beobachtet, wie ein Vorort von Prijedor brannte. Wir haben uns schon gedacht, dass uns so etwas auch passieren würde, da 93 % der Einwohner aus Kozarac Moslems waren, und wirklich, am nächsten Abend brannte auch Kozarac. Am Montag morgen flohen wir in den Wald. Alles sah so aus, als würden wir uns einen Film über den Zweiten Weltkrieg angucken. Vertreibung, ich hätte nie gedacht, daß ich so etwas erleben würde. Wir waren alle so verwirrt, daß wir in diesem Chaos die Familie von meinem Bruder verloren hatten. Ich kam mit meiner Mutter, meinem Mann und meinem Sohn an einem Haus an. Granaten flogen umher. Ich suchte hartnäckig meinen Bruder und habe versucht, zu einem anderen Haus hinüber zu rennen. In meiner Nähe habe ich Geschosse gespürt - ich warf mich zu Boden. Ein Mann hat mir zugerufen, daß ich liegen bleiben soll. Ich war die Zielscheibe eines Maschinengewehrs. Sie haben uns von allen Seiten beschossen. Meine Tante hat einen Schock erlebt, denn in dem Moment, als sie in unsere Richtung ging, wurde ein LKW, in welchem sich Kinder und Frauen befanden, von einer Granate getroffen. Alle Insassen wurden in Stücke gerissen. Meine Tante ist in diesem Moment verstummt und starb bald darauf. Da durften wir nicht bleiben. Wir waren ihnen sozusagen ausgeliefert. Langsam kehrten alle zurück, doch bis nach Hause hatten wir es nicht geschafft. In dieser Nacht haben wir in einem Keller übernachtet. Am Morgen sind wir zum Luftschutzbunker zurückgekehrt, wo wir endlich meinen Bruder mit seiner Familie trafen. Kurz darauf haben sie uns befohlen, auf die Sraße zu gehen. Da habe ich es zum letzten Mal geschafft, in mein Haus zu gehen, welches schon da mit Einschusslöchern überhäuft war. Mein Sohn kam auch herein, um seine Vögel zu füttern. Meine Mutter wollte die Schuhe meines Sohnes mitnehmen, doch ich sagte zu ihr, daß sie das nicht tun müsse, da wir in ein paar Tagen wieder da seien. Wir waren auf die Straße gegangen und stellten uns in einer Kollonne an. Wir waren uns nicht bewußt, was uns erwartete, bis wir die Autobahn Prijedor - Banja Luka erreicht hatten. Da stand ein Panzer und unzählige bewaffnete Soldaten. Ich weiß nicht, wie lange wir auf der Autobahn entlang gelaufen sind, bis der Befehl kam, Frauen und Männer sollten getrennt werden. Mein Mann und mein Bruder verließen mit den anderen Männern die Kollone und blieben mit ihnen dort. Ich empfand, daß mein 14-jähiger Sohn nicht dahingehört, aber für die war er ein Mann und sie wollten ihn mir wegnehmen. Ich hielt mein Kind fest und bat zu Gott, daß er mir nicht weggenommen werde. Ein Soldat kam und versuchte, ihn aus meinem Griff zu befreien, doch ich habe ihn gebeten, angefleht und Bruder genannt, damit er meinen Sohn bei mir läßt, weil er mein Leben sei. Er sagte zu mir, daß ich überhaupt keine Rechte hätte, nicht einmal am Leben zu bleiben. Dann hat er meinen Kind weggezerrt. Da ist meine Mutter auf die Knie gefallen, doch ich habe sie getröstet, daß M. zurückkommen werde. Sie hat nur gesagt, daß sie ihr ihr Herz und ihre Seele aus der Brust genommen hätten. Ich habe sie aufgemuntert, weiter zu gehen, denn die Zurückgebliebenen würde Schlimmstes erwarten. Wir waren an der ersten Bushaltestelle angekommen, wir durften uns nicht umdrehen, um zu sehen, ob uns die Männer folgten. Dann erreichten auch die Männer diese Stelle. In dieser Kolonne stand auch unser Nachbar, ein gutaussehender junger Mann, welcher in seinen Armen sein zweijähriges Kind hielt. Sie haben ihm sein Kind weggenommen und ihn über die Straße in ein noch heilgebliebenes Haus geführt. Bald hörte man schreckliche Schreie. Wir haben keine Schüsse gehört, doch unser Nachbar kam nicht mehr lebend aus diesem Haus. Dann kam der nächste Mann auf die gleiche Weise um. Dieses Geschehen wurde oft wiederholt. Sie haben auch einen mir bekannten Geschäftsführer mitgenommen. Den sahen wir nie wieder. Wir gingen noch ein Stück weiter, dann zwangen sie uns, in Busse einzusteigen. Meine Mutter sah einen bekannten Polizisten. Da mein jüngster Bruder in einem Polizeipräsidium als Kommissar gearbeitet hatte, kannten wir viele Polizisten, so auch diesen. Ich habe sie gebeten, ihn nicht zu rufen, da ich Angst hatte. Sie hat es geschafft, ihn zu holen und sagte ihm nur, daß man ihr ihren Enkelsohn weggenommen hat. In diesem Moment hat sie nicht an ihren Sohn und meinen Mann gedacht. Er hat ihr gesagt, daß wir nach Prijedor gehen sollen und daß uns die Männer folgen werden. Aber die Busse fuhren in eine mir unbekannte Richtung. Sie hielten jede 15 Meter. Man hörte nur eine geflüsterte Frage :"Werden sie uns umbringen?” Ich weiß nicht, wie lange wir noch gefahren sind, dann kamen wir in Trnopolje an. Als wir dort angekommen waren, nannten sie es schon Sammelzentrum. Dort haben sie uns aus dem Bus in ein Dornbusch getrieben. Wir baten vergebens um Wasser. Ich weiß nicht, wieviel Zeit vergangen war, als die Busse mit den Männern vorfuhren. In einem davon erblickte meine Mutter meinen Bruder. Er hatte nämlich einen Jogginganzug an. Ich habe meinen Sohn gesucht. Er erschien hinter einem Bus und ich rannte zu ihm. Die Frauen stießen mich zu Boden und riefen :"Sie werden denken, daß du wegrennen willst! Sie werden dich erschießen !"Einige fingen an zu schießen, dies führte zu einem Chaos, doch das war Glück im Unglück für uns, denn unsere Männer haben diese Chance genutzt, um zu uns zu kommen. Wir sind in eine Schule hineingegangen. Die Männer haben Plätze unter den Schulbänken gefunden und wir saßen auf den Stühlen. So haben wir auch die Nächte verbracht. Mein Cousin war Krankenpfleger und wurde in die Nothilfeambulanz geordert. Ich wußte nicht, was alles geschah, aber wann immer er kommen konnte, wiederholte er, daß wir diesen Ort verlassen müssen und die Kinder in Sicherheit bringen sollen, besonders weil die Tochter meines Bruders schon eine junge Frau war. Das alles war so schrecklich, daß ich mich nicht erinnern kann, wieviele Tage wir dort verbracht haben und ob wir überhaupt gegessen haben. Wir hatten etwas Nahrung mitgenommen. Ich glaube, daß wir nur einmal Brot bekommen haben. Irgendwann wurden wir benachrichtigt, daß alle Frauen und Kinder das Lager verlassen müssen und in den Vorort von Prijedor - Cela, ein Ghetto für Moslems - versetzt werden. Ein Bekannter von meiner Schwägerin sagte mir, daß ich gehen kann, mein Sohn aber bleiben muß. Ich sagte ihm, daß sie mich ohne meinen Sohn nur tot mitnehmen werden. Ich weiß nicht, woher ich den Mut hatte, ihm zu widersprechen. Auf einmal hörte man eine Aussage aus den Lautsprechern : "Es werden die Mutter und die Schwester von T. gesucht ." Ich habe mich gefürchtet, aber es war allen bekannt, daß wir anwesend waren und somit war es egal, ob wir uns meldeten oder nicht. Ich war alleine gegangen, aber meine Mutter folgte mir. Auf der Meldestelle habe ich einen Lehrer aus Kozarac erkannte, der in letzter Zeit in Prijedor beschäftigt war. Er fragte mich, wer von meiner Familie mit mir zusammen sei. Ich antwortete, daß mit mir meine Mutter, mein Sohn, mein Mann und mein Bruder mit seiner Familie hier seien. Er sagte, daß ich mich zum Verlassen dieses Zentrums eintragen muß und ich sagte ihm, daß ich ohne meinen Sohn nicht gehen würde. Er erlaubte mir, meinen Sohn mitzunehmen. Ich fragte ihn, was mit meinem Mann und Bruder geschehen würde und er antwortete, daß er mir in diesem Fall nicht helfen könne und sie im Lager bleiben müßten. Mein Mann und mein Bruder baten nur, daß wir gingen und die Kinder in Sicherheit brächten. Sie haben gehofft, genauso wie wir, das mein Bruder in Prijedor in seiner Wohnung sei. So habe ich mich eingetragen und eine Bescheinigung für das neue Zentrum bekommen. Dieser Lehrer hat mir unterwegs diese Bescheinigung genommen und mir eine andere in die Hand gedrückt. Er sagte mir, ich solle sie nicht lesen, denn ich würde später erfahren, was es sei. Dann kam noch unser Hausarzt zu uns und fragte wie es uns ginge. Dann sagte der Lehrer, daß unser Hausarzt mit uns gehen dürfe. Unser Arzt sagte, daß dies sein Volk sei und er bei ihm bleiben werde. Ich ging noch mal in die Schule zurück, um die anderen abzuholen. Dort konnte man nicht leben. Es gab kein Wasser, keine Toiletten, es war die Hölle. Dann sollten wir (meine Mutter, mein Sohn, die Schwägerin und ihre Kinder) uns bis zum Ausgangstor vordrängen. Dort erwartete uns ein Krankenwagen, mit dem wir das Lager verlassen konnten. Ich habe ihn gebeten, daß meine Mutter mit den Kindern weiter gehen kann und daß meine Schwägerin und ich da bleiben. Er sagte mir, daß auf einem Dokument bzw. Papier meine Mutter und ich und auf dem anderen meine Schwägerin und die Kinder eingetragen seien. In diesem Krankenwagen sah ich einem Mann, der mir schon vorher gesagt hatte, daß ich nicht mal denken dürfe und erst recht nicht sagen, daß ich nicht ohne meinem Sohn das Sammellager verlassen würde. Diesmal hatte er aber nichts gesagt. Sie fuhren uns irgendwo hin, ich weiß nur, daß ich überall die MG-Nester gesehen habe. Den Wagen fuhr ein einarmiger Mann. Er schimpfte sehr, da er auch Angst hatte. Er sagte, wenn sie uns anhalten, werden sie nicht nur uns, sondern auch ihn erschießen. Sie brachten uns bis zur Wohnung meines Bruders. Ich klingelte, aber keiner machte die Tür auf. Glücklicherweise war mein Bruder mit seiner Familie nicht mehr da, sie hatten Prijedor im letzten Moment verlassen können. In der nächsten Nacht konnten wir nicht schlafen, da wir nicht wussten, was mit der Schwägerin und ihren Kindern passierte. Später stellte sich heraus, daß auch sie der gleiche Mann aus dem Lager rausgeholt hat. Am nächsten Tag waren sie bei uns. In der Wohnung blieben wir paar Tage in Unwissenheit. Wir wussten nämlich nicht, ob unsere Männer am Leben waren. Nach einigen Tagen brannte die Altstadt Prijedors (von den Moslems bewohnt). Wir saßen alle im Keller. Um 3 Uhr kamen noch weitere Familienangehörige ( ohne Ehemänner) aus Kozarac zu uns, die zuvor aus der brennenden Altstadt vertrieben und in einemn alten Hotel eingesperrt worden waren. Meine Cousine dachte in dem Augenblick, daß es besser wäre, sich und die Kinder zu töten, als daß man sie wieder in das Lager Trnopolje zurückschickte. Sie wurde von einem jungen Mann gerettet, der seine Freundin, ebenfalls aus Kozarac, zwischen diesen Frauen suchte. Er brachte sie dann zu uns. Am Morgen kamen wir aus dem Keller wieder in die Wohnung. Wir betrachteten uns gegenseitig und merkten dabei, daß unser Haar grau geworden war. So habe ich erfahren das dies auch über nur eine Nacht geschehen kann. Vor dem Krieg trug ich die Kleidung in der Größe 42. In den Tagen aber trug ich die Hosen meines 13-jährigen Neffen. Wir lösten uns langsam auf. Die Kinder konnten irgendwie essen und reden, mein Sohn aber schwieg die ganze Zeit. Eines Abends bereiteten wir bei Kerzenlicht das Abendessen vor. Mein Sohn war allein im Schlafzimmer. Jemand sagte mir, daß er weine. Ich ging ins Zimmer. Er weinte, ohne einen Laut von sich zu geben. Man sah nur Tränen. Ich sprach ihn an, aber er antwortete nicht. Ich geriet in Panik. Dann aber kam die Schwägerin. Sie schüttelte ihn und schlug ihn paarmal ins Gesicht. In dem Augenblick gab er einen Laut von sich. Er sagte nur: “Mutti ich habe Angst". Ich sagte: “Ich bin bei dir, du sollst keine Angst haben." "Mutti, ich fürchte, die werden mir die Kehle durchschneiden". Bis zu diesem Augenblick wußte ich nicht, daß er Zeuge solcher Taten war. Ich konnte ihn ein bißchen beruhigen. In der Wohnung meines Bruders blieben wir noch ein paar Tage. Eines Morgens kamen sie mit der Forderung oder besser gesagt mit dem Befehl, daß wir die Wohnung verlassen müßten. Die Kinder schliefen noch. Wir weckten sie auf. Meine Mutter wollte noch ein paar Sachen mitnehmen, sie sagten aber, daß wir nichts mitnehmen dürfen. So sollten wir wieder ins "Ghetto" - dieses mal in den Stadtteil Puharska (ebenfalls von Moslems bewohnt). Dann kam eine Bekannte meines Bruders, von Nationalität Serbin, zu uns. Sie sagte, daß es so einfach nicht mehr gehe. Die Kinder solle man umziehen, wir uns aber auch. Sie sagte mir, daß sie sich mit dem Mann, der in der Zwischenzeit die Wohnung besetzt habe, unterhalten hat und daß er erlaubt habe, daß ich alleine in die Wohnung kommen könne und von dort einige Kleinigkeiten nehmen dürfe. Als ich dort war, versuchte ich ins Schlafzimmer zu gehen, aber er erlaubte es mir nicht. Dann versuchte ich, ein paar Sachen in eine Decke einzupacken. Auf einmal sah ich die Springerstiefel vor mir. Langsam hob ich den Kopf nach oben und spürte die Mündung des Gewehrs an meiner Stirn. Ich wußte nicht, was er vorhatte, aber in dem Augenblick rief mich aus dem Hausflur die Nachbarin meines Bruders. Er ging einen Schritt zurück und ich nutzte die Gelegenheit und lief hinaus. Trotz aller dieser Ereignisse mußten wir weiter leben. Irgendwann bekamen wir die Möglichkeit, einige Kleinigkeiten den Männern ins Lager zu schicken. Am Morgen ging ich in die Stadt, um Brot zu kaufen. Du stellst dich in die Reihe und wartest. Und dann kommen sie, schießen paar Salven: “Moslems, aus der Reihe austreten !" Man mußte das tun - also nicht mal das Recht auf Brot. Die Schwägerin entschied sich, ein paar Kleidungsstücke und Wäsche sowie Brot zu kaufen und diese in das Lager zu schicken. Dieses Mal gelang es uns Brot zu kaufen. Auf dem Rückweg nach Puharska gingen wir an einem MG - Nest vorbei. Auf einmal schrieen die Soldaten: “Bleibt stehen, ihr Kühe! Wo bleibt die Begrüßung?" Wir durften uns in dem Augenblick nicht bewegen. Sie schimpften und sagten alles, was sie wollten. So etwas hat kein menschliches Ohr je zuvor gehört. Ein paar Tage später fuhr der erste Konvoi aus Puharska. Wir erwarteten von diesem Augenblick an jeden Tag, daß sie uns auch einsammeln. Es war das Wichtigste, die Flaschen mit Wasser aufzufüllen und etwas Brot zu haben. Eines Abends saßen wir alle zusammen. Mein Sohn wollte mit mir reden. Ich ging zu ihm und auf einmal fing er an zu weinen. Er sagte mir, wenn sie uns einsammelten, würden sie ihn von den anderen trennen. Keiner solle dabei weinen. Nicht mal ich, nicht meine Mutter, einfach niemand, weil er fürchtete, wenn wir dabei weinten, würden sie ihn vor meinen Augen töten und dann würde ich, meinte er, mit den Bildern seines Todes im Kopf durch die Welt gehen. Es wäre besser, er gehe ins Lager, bliebe aber am Leben. Ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Am nächsten Morgen erkundigte ich mich, ob Puharska blockiert war und ob ich in die Stadt gehen konnte. Ich habe es geschafft, in die Stadt zu gelangen. Ich habe dort meine Nachbarin getroffen. Sie war im Lager geblieben. Sie hatte drei kleine Kinder. Sie hatte keine Kleidung, um sie umzuziehen und keine Kraft mehr, ihre hungrigen Kinder anzusehen und war aus dem Lager geflohen. Sie konnte Kozarac erreichen und in ihr Haus, welches in unserer Straße war, hineingehen, wo sie nur ein paar Kleidungsstücke fand. Der Flur war mit Mehl bedeckt, damit man dort gut das tschetnische Zeichen (4 mal kyrillisch S) sehen konnte. Auf dem Rückweg kam ihr eine Patrouille entgegen. Sie wurde von dem Mann unserer Nachbarin gerettet. Wir durften uns nicht auf der Straße aufhalten, so sah es aus, als würden wir uns nicht kennen, sondern nur nebeneinander gehen. Wir haben geflüstert. Als ich auf dem Markt etwas einkaufen wollte, kam die Tochter meiner Cousine und sagte mir, daß meine Familie zusammen mit den anderen aus Kozarac zusammengetrieben und in Lkws eingesammelt wurden. Ich geriet in Panik. Was sollte ich tun? Ich habe alles fallen lassen, nur das Brot in der Hand behalten. Da erblickte ich den Direktor meiner Schwägerin. Ich habe ihn gebeten, mich zu meiner Familie nach Puharska zu bringen. Er verteidigte sich, daß er das nicht tun dürfte. Aber ich habe an ihm gezerrt. Ich habe versucht ihn festzuhalten, doch er versuchte zu entkommen. Ich habe ihn gebeten, die Busse anzuhalten, falls sie wegfahren sollten, denn ich dürfte nicht alleine bleiben. Er hatte das Fahrrad von meinem Neffen vor sich, doch ich sagte nichts. Was ist ein Fahrrad, wenn sie uns das Leben nehmen können. Als ich an einer kleinen Brücke, die nach Puharska führte, angekommen war, sagte ein Soldat, ich solle stehen bleiben. Ich sagte, daß ich eine von ihnen sei. Er sagte: “Eine Kuh wie die andere Kühe." Alle Soldaten trugen Handschuhe und schwarze Brillen. Nie konnte man genau erkennen wo sie gerade hinguckten. Die Busse kamen an. Ich entwich mit meinem Kind. Ich hatte Angst weil sie Männer von den Frauen trennten. Nur die Kranken und Halbtoten wurden verschont. Als ich in der Nähe vom Buseingang war, wurde uns gesagt, daß wir in einen anderen einsteigen müssen, weil dieser schon voll sei. Dann entstand ein Chaos und ich nutzte es, um mit meinen Sohn einzusteigen. Die Busse fuhren los. Wir erreichten Kozarac. Dort brannten die Häuser und das Vieh lag tot auf dem Weg. Auf der Hauptkreuzung hielten die Busse, wir wußten nicht, warum. Dann kamen zwei Soldaten mit Tüten und forderten, daß wir alles Wertvolle hineintun sollen. Meine Mutter hatte einen Ring schon 30 Jahre auf ihrem Finger und konnte ihn nicht mehr abtun. Als einer von den Soldaten kam, sagte ich, daß der Ring klemmte. Da hat er auf sein Messer, welches auf seinem Gewehr befestigt war, gedeutet und gesagt: "Du wirst sehen, wie leicht ich das machen kann. In diesem Schockzustand schafften wir es doch, den Ring abzumachen und in die Tüte zu werfen. Ich hatte in meiner Handtasche noch 600 DM versteckt. Ich zerriß die Tasche und übergab das Geld. Sie haben uns alle ausgeplündert. Sie waren sich nicht bewußt, daß wir seit dem Tag, als wir unsere Häuser verlassen mußten, materielle Dinge nicht mehr schätzten. Sie haben uns aber unsere Seelen nicht genommen. Mit den Händen auf dem Nacken dauerte der Weg lange. Die ersten Busse gingen angeblich kaputt. Unterwegs haben wir versucht, heimlich aus den Fenstern zu gucken. Wir sahen, wie eine Frau von einem Polizisten geschlagen wurde. Sie hielt schützend ein Kind im einen und das andere Kind im anderen Arm. Da auch unterwegs Menschen eingesammelt wurden, wurde auch sie mit den beiden Kindern in den Bus getrieben. Man hörte nur den Befehl: "Wenn jemand den Kopf hebt, wird er erschossen. Ich hatte ein neugeborenes Kind, welches zuvor im Wald auf die Welt gekommen war, auf dem Schoß. Der Säugling weinte nicht, obwohl wir ihm nichts zu essen geben konnten. Ich weiß nicht genau, wo die maskierten Soldaten den Bus verließen, als ein Soldat in normaler Uniform den Bus betrat. Ich hatte das dringende Bedürfnis, auf Toilette zu gehen, ich drohte, ohnmächtig zu werden. Meine Mutter konnte mich nicht mehr so ansehen und fragte, ob man den Bus anhalten könne. Der Soldat hatte nichts dagegen. Mit Unterstützung der anderen fand ich den Weg nach draußen. Bald darauf kamen auch alle anderen heraus, um frische Luft zu schnappen. Dieser Soldat gab uns eine Wasserflasche. Wir mußten die Fahrt fortsetzen. Die Busse hielten in Skender Vakuf an. Wir gingen nun auf einem Waldweg weiter. Meine Mutter ging barfuß. Während einer kurzen Pause baten wir ein Mädchen um die Flasche Wasser. Sie gab sie nicht ab. Wir gingen die ganze Nacht und kamen in Travnik an. Da konnten wir zum ersten Mal darüber sprechen, was uns alles zugestoßen war. Da haben wir erfahren, wieviele von unseren Verwandten und Bekannten ermordet worden waren und daß mein Mann und mein Bruder noch am Leben waren und in einem Lager gehalten wurden. Von da aus ging unser Weg weiter: Zagreb, Karlovac, Deutschland. Mein Mann kam nach acht Monaten nach. Als er ankam, sah er nicht mehr so aus wie er, sondern wie sein verstorbener Vater. Alles wäre besser, wenn es keine Träume gäbe. Ich erinnere mich nicht mehr an den Mann, der mir meinen Sohn wegnehmen wollte, doch seine Augen sehe ich oft in meinen Träumen, diese Augen verfolgen mich. Ich frage mich, ob ich mein Kind dorthin zurückbringen kann wo es dies alles erlebt hat und zwischen diese Menschen, die ihm das alles angetan haben, da diese noch immer dort leben. Ich weiß immer noch nicht was mein Sohn alles gesehen hat. Ich habe noch keinen Mut, ihn danach zu fragen. Vielleicht wird er einmal das Bedürfnis haben alles zu erzählen. Hoffentlich werden wir einmal einen Ort finden, wo wir wieder das werden können, was wir einmal waren - Menschen, die das Recht auf Zukunft haben, auf Ziele, Menschen die etwas erreichen können, die einfach wie andere Menschen leben können. Was soll ich noch erzählen, ich kann nicht mehr. Das waren keine Menschen, das sind Ungeheuer .Denn wenn jemand in einem 13 - jährigen Mädchen eine Person zum Vergnügen sieht, dann ist das kein Mensch, sondern ein Ungeheuer. Nachts hatten die Mädchen versucht, sich unter Röcken zu verstecken und sich ihre Haare abgeschnitten, um unbemerkbar zu sein. Und jetzt nehmen diese Menschen sich das Recht zu sagen, daß dort keine Frauen vergewaltigt wurden. Vielleicht hätte ich das alles, was ich jetzt sage, schon am ersten Tag, als ich gekommen war, erzählen sollen. Es war verwunderlich, daß wir Beruhigungsmittel verweigerten, wir brauchten nämlich keine Beruhigungsmittel, sondern hatten das Bedürfnis, alles zu erzählen, unsere Seelen zu beruhigen, jemanden zu finden, der uns versteht. Niemals werde ich ein junges Mädchen vergessen, ein wunderschönes Mädchen mit langen blonden Haaren. Sie kam zu meiner Cousine, um sich ihr Haar schneiden zu lassen. Wir fragten sie, warum sie ihre schöne Mähne schneiden lassen wolle und sie sagte, daß sie Angst vor einem Mann habe, der sie immer verfolgt habe und der geschworen habe, sie wiederzufinden. Sie wurde nämlich von einem Schulkameraden vor diesem Mann gerettet Aus dem Gespräch entnahmen wir, daß dieser Vorfall bei ihr geistige Störungen hinterlassen hat. Dies ist ein Schicksal eines Mädchens, doch leider gibt es so viele ähnliche Schicksale..... |