ZEUGNIS VON M.B., Jg.1966Mein Name ist M.B. Ich bin am 17.7.1966 in Gornja Grapska, in der Nähe von Doboj, geboren. In Grapska habe ich geheiratet und bis zum Anfang des Krieges gelebt. Von Beruf bin ich Verkäuferin. Ich habe in einer Stadt, die Maglaj heißt, gearbeitet. Der Krieg fing bei uns am 10. Mai an. Es hat mich sehr überrascht, wie schnell die Granatierung unseres Ortes anfing. Wir fingen an, uns in den Kellern zu verstecken, ohne irgend etwas dabei zu haben. Bei mir befand sich eine Frau, die ein Baby hatte, das gerade mal drei Tage alt war. Unter diesen Granaten lief ich nach Hause, um etwas Nahrung und Milch für uns zu holen. Ich könnte sagen, daß ich mich sehr tapfer an diesem Tag gefühlt habe, weil ich selbst auch schwanger war. Während des Tages haben wir mehrmals mit den anderen Leuten die Kellerräume gewechselt. Wir flüchteten durch einen kleinen Fluß, der mitten durch unseren Ort fließt. Sie schossen von allen Seiten, so daß wir uns unter einer Brücke versteckten. Da wurde vor meinen Augen ein Kind, das zwölf Jahre alt war, von einer Kugel getroffen und seine Schwester wurde verletzt. Ich hatte etwas Glück gehabt, denn diese Kinder waren direkt hinter mir. Als es dunkel wurde, mußten wir uns ihnen ergeben, d.h. den Serben. Während wir hingingen, uns zu ergeben, brannten schon einige Häuser im Ort. Uns Frauen mit kleinen Kindern und ältere Personen haben sie in die Busse gesteckt und die Männer wurden von uns getrennt und in eine Schule gebracht. Bei dieser Gelegenheit, im Bus, erwähnte ein älterer Mann meinen Vater, daß er noch im Haus sei und nicht rauskommen wollte, während das Haus schon brannte. Seit diesem Tag fragte ich jeden nach meinem Vater, aber niemand konnte mir etwas sagen. In dieser Nacht kamen wir in ein anderes moslemisches Dorf, sie haben uns so gut empfangen wie sie nur konnten. Wir blieben da ein paar Tage lang, dann fuhren wir in Lkws weiter, Richtung Kroatien. Ich verbrachte noch einen Monat in einem Ort in der Nähe der kroatischen Grenze. Dann mußten wir weiterfliehen, weil dieser Ort auch pausenlos granatiert wurde, mit allen Mitteln, Flugzeuge flogen über uns. Mein Mann blieb da, um zu kämpfen und nach einiger Zeit hörte ich nichts mehr von ihm, ich wußte nicht, wo er sich befindet. Wir waren in einer Halle untergebracht, wo wir auf Luftmatratzen schliefen. Am Abend wurden sie aufgeblasen und am Morgen waren sie schon wieder platt und da ich schwanger war, fiel mir das etwas schwer, denn wir hatten auch nicht genug Wasser, um uns waschen zu können. Wasser brachten sie in Zisternen und wir waren über hundert Leute. So mußte ich den Menschen aus dem Ort auf dem Feld arbeiten helfen, um mich danach bei ihnen zu hause gut duschen zu können. Es war ein besonderer Sommer gewesen. Nach eineinhalb Monaten in Kroatien kamen irgendwelche Leute und sagten uns, wir müßten nach Deutschland gehen. Ich war eine der ersten, die sich gemeldet haben, ich konnte es dort nicht mehr aushalten. Zu diesem Zeitpunkt wußte ich, wo sich meine Schwester und meine zwei Schwägerinnen mit ihren Kindern befanden. Ich kam mit dem Zug nach Deutschland. Der Zug war voll, wir konnten uns nicht alle hinsetzen, nicht zu sprechen hinlegen. So verbrachte ich die ganze Nacht auf den Beinen, damit sich meine Schwiegermutter mit meiner Tochter hinsetzen und schlafen konnte. Wir kamen nach Deutschland, d.h. nach Wetzlar am 8.August 1992. Ich fühlte mich sehr erschöpft, so daß ich, als ich mich eingeschrieben hatte und ein Zimmer in der Kaserne bekam, sofort ein bißchen schlafen mußte. Als meine Tochter in das Zimmer kam, sagte sie, "Mama, guck mal! Wir haben Betten und Kissen". Ich fing an zu weinen, sie war damals erst 21/2 Jahre alt. Wir fingen an, uns an ein normales Leben zu gewöhnen, jeden Tag etwas Anständiges zum Essen und zum Trinken zu haben und auch jeden Tag schlafen zu können. Ich danke diesen Menschen, die uns in den schwierigsten Momenten geholfen haben. Nach 18 Tagen in der Kaserne mußte ich ins Krankenhaus, ich habe einen Sohn geboren am 26. August 1992. In der Zwischenzeit habe ich erfahren, wo sich mein Mann befindet, er war in Zenica. Es war mir sechs Monate lang nicht möglich gewesen, mit ihm zu kontaktieren. Doch irgendwie hat er sich durchgeschlagen und ist nach Deutschland gekommen. Mein Sohn war sehr krank, so daß ich schon drei Wochen nach seiner Geburt mit ihm ins Krankenhaus nach Gießen mußte, wir verbrachten zehn Tage im Krankenhaus. Im Krankenhaus hatte ich wieder nichts. Ich hatte nichts, um meine Kleider zu wechseln. Ich habe mit der Kaserne telefoniert, damit mir einer der Übersetzer etwas bringen kann, doch niemand konnte mir irgend etwas bringen. Das alles hat mich sehr getroffen. Als mein Mann kam, habe ich mich viel besser gefühlt, aber mein Sohn mußte schon wieder ins Krankenhaus, er blieb wieder zehn Tage lang im Krankenhaus. Ich fragte meinen Mann, ob er irgend etwas über meine Brüder und meinen Vater weiß. Er sagte mir, er wüßte nichts. Im nachhinein fing ich an, mit meiner Schwester und meine Schwägerinnen zu kontaktieren und besonders mit meinem Bruder, der als einziger meiner Brüder überlebte. Er arbeitet und wohnt in Deutschland mit seiner Familie. Eines Tages besuchte er mich und ich frage ihn, ob er etwas über die Brüder und meinen Vater weiß. Da sagte er mir, daß er gehört hätte daß zwei Brüder am demselben Tag des Angriffs, am 10. Mai, ums Leben kamen, und daß der Vater im Haus verbrannt sei. Mein dritter Bruder befand sich zu dieser Zeit in Gefangenschaft, im Lager Marnaca. Mein Bruder (in Deutschland) bekam schon mehrmals eine Nachricht aus dem Lager von ihm, doch nach einem Jahr des Aufenthaltes im Lager meldete er sich nicht mehr. Wir haben die anderen Männer, die aus dem Lager kamen, kontaktiert, aber niemand wußte etwas. Da habe ich meinen Bruder gefragt, warum er mir nicht schon vorher Bescheid über meine Brüder gesagt hatte. Er antwortete mir, weil ich schwanger war, durften sie es mir nicht sagen. Sie warteten ein Jahr lang, um es mir zu sagen. Ich war sehr gebunden an meine Brüder, wir wuchsen zusammen auf, wir waren immer füreinander da. Ich träume ständig von ihnen, wir unterhalten uns im Traum und genauso mit meinem Vater. Ein Bruder ließ eine Frau und zwei Kinder hinter sich, der andere Frau und drei Kinder, sie alle waren damals sehr klein. Mein dritter Bruder war nicht verheiratet, er war der jüngste meiner Geschwister. Letzten Sommer, als ich nach Bosnien gefahren bin, mußte ich ein paar Dokumente holen. Ich besuchte meine Schwägerinnen, die in serbischen Häusern wohnen. Ich war bei dieser, die zwei Kinder hat, sie ist sehr krank, psychisch, so daß sie ein wenig zuhause bei den Kindern ist und dann ein wenig im Krankenhaus liegt. Ich war sehr überrascht, als ich sah, wie ihr Sohn gewachsen ist, als ob er 35 Jahre alt wäre. Er muß sich um seine Schwester und um seine Mutter kümmern. Es hat mich getroffen, wie ein Junge mit seinen 14 Jahren so viel Verantwortung übernehmen kann. Nachts kann ich nicht schlafen, ich denke ständig darüber nach, was in der letzten Zeit passiert ist. Ich war bei meinem Haus zum ersten Male nach dem Krieg und ich war entsetzt, als ich sah, was davon übrig geblieben war. Wie konnten sie das tun, nicht nur mit meinem Haus, mit allen Häusern im Ort. Alle Häuser sind zerstört und verbrannt, nicht ein einziges Haus ist ganz geblieben. Von meinem Haus ist nur die Außentreppe geblieben, das ist nur ein Zeichen, daß mal ein Haus an dieser Stelle stand. Bei meiner Schwiegermutter gibt es nicht mal Anzeichen dafür, daß früher an dieser Stelle ein Haus überhaupt existiert hatte. Ich habe das alles geduldet und dies bedrückt mich sehr in der Brust, doch seit ich zum Arzt gehe, ist es mir viel leichter. Ich erinnere mich, wie ich früher mal Dr. M. in der Kaserne nach Schlaftabletten fragte. Mein Bruder besucht einmal im Jahr die Familien meiner Brüder. Es fällt ihm schwer, daß er noch keine Kraft gefunden hat, in unseren Heimatort zu gehen, um die Häuser zu besuchen. Ich sage ihm, mir fiel es auch schwer, aber da ich sowieso in die Republika Srpska gehen mußte, um Geburtsurkunden usw. zu holen, bin ich kurz in unseren Ort gegangen. Ich weiß nicht mehr, was ich sagen soll, denn je mehr ich davon erzähle, desto mehr erinnere ich mich daran und dann fühle ich mich noch schlechter. Aber die Tabletten, die mir der Arzt gegeben hat, helfen mir sehr. Es drückt mich weniger in der Brust und kann besser schlafen. Ich bin weniger nervös, so daß die Familie meine Nervosität nicht spürt. Ich lebe mit meinem Ehemann, meinen zwei Kindern, der Schwiegermutter und der Schwester meines Mannes, die auch schlechter Gesundheit sind, zusammen, so daß ich versuche, auf meinen Beinen zu bleiben, um ihnen helfen zu können. Ich weiß nur nicht, was sein wird, wenn wir zurückkehren. Wir wissen nicht, wo wir leben sollen, es gibt keine Arbeit, die Firmen arbeiten nicht und diejenigen, die arbeiten, haben kein Geld. Man muß umsonst arbeiten und wie man überleben soll, interessiert niemanden. Meinen Kindern würde es auch schwer fallen, denn sie sind hier aufgewachsen, meine Tochter ist zehn und mein Sohn ist siebeneinhalb Jahre alt. M.B., im Februar 2000 |