ZEUGNIS VON J.A., Jg. 1930Ich heiße J. A., geboren in Bosanski Novi, Blagaj Japra. Ich habe da gelebt und war beschäftigt als Schmied. Ich habe schön gelebt. Ich habe Arbeit gehabt. Meine Eltern sind früh gestorben. Die Kinder sind 1990 weggegangen. Es kam zu Ärger und zum Krieg. Der Krieg würde auch zu uns kommen. Die Landsleute sagten, es gibt überall Krieg. Wo dieses frühere Jugoslawien war, gab es sechs Bundesländer. Als Tito gelebt hat, ging es uns gut, allen in Bosnien und Hercegowina. Es kam zu seinem Tod in den 80iger Jahren, ich glaube, am 4. Mai. Als er im Sterben lag, sagte er, daß es aus jedem Bundesland einen Präsidenten geben sollte. Ich bin mein eigener Herr. Ich bin heute immer noch gesund und es hat mich tief erschüttert, weil diese Republik nach nichts mehr aussehen wird. Das war auch so. Dann kam der erste Präsident, dann kam der zweite nach Tito. Ich glaube, diese Politiker haben gelernt, wie man es machen muß. Der Krieg wurde lange vorbereitet. Ich dachte selber, daß es nicht gut wird. Ich respektierte den Präsidenten von Kroatien sehr. Ich habe seinen Namen vergessen. Er kam gestern abend im Fernsehen. Er hieß S. Mesic. Der sagte damals, daß der Krieg bevorsteht. Der Krieg ging von Tudjman und Milosevic aus. In Karadoratev gab es eine Sitzung, wo sie das gemacht haben und wie sie Bosnien unter sich aufgeteilt haben. Es gab einen Aufstand in Bosnien, im ehemaligen Jugoslawien. Dann kam der Krieg erst nach Slowenien, Kroatien und endete in Bosnien. Er ist heute noch nicht zu Ende. Heute ist auch der Krieg zwischen Politikern. Wer viel redet, wer viel weiß, wer viel lügt. Ich hörte da weg, ich wollte nicht darüber reden. Ich hatte selber etwas zu tun. Zwischen 1990 und 91 fing der Haß an und damit fing auch der Krieg an. Sie sagte, wir sollten unser Dorf verlassen, wir sollten nach Zenica zum Austausch gehen. Daß die Serben in unseren Teil kommen sollen und wir in ihren. Aber wir wollten nicht weg von unserem Dorf. Am 1. Mai 1992 haben sie angefangen, mit Panzern auf uns zu schießen. Sie haben sieben bosnische Nachbardörfer in unser Dorf getrieben. Ich weiß nicht genau, wie viele wir waren. Sie nahmen uns unsere Waffen weg. Einen Tag später brachten sie uns in ein serbisches Dorf und durchsuchten in unserem Dorf die Häuser nach Waffen. Die sagte, sie würden uns nach hause lassen. Sie gaben uns eine Frist von drei Tagen, um unser Dorf zu verlassen. Wir sollten einen Konvoi bilden und nach Zenica fahren. Nach drei Tagen griffen sie uns mit Feuerwaffen an. Sie trieben alle Männer, Frauen und Kinder in eine Firma, die in unserem Dorf stand, namens Japra. Dort wurden die Männer von den Frauen und Kindern getrennt. Manche wurden geschlagen, manche umgebracht. Es kam ein Zug mit 18 Waggons. In meinem Haus hatte ich 28 Personen. Alle serbischen Soldaten haben die Leute auf die Straße getrieben. Meine Familie wurde auf eine Wiese getrieben. Sie sagten: "Hebt die Hände hoch, werft die Waffen weg!" Sie waren maskiert und führten meine Schwägerin aus dem Haus. Meine Frau fiel auf die Wiese, der eine Serbe zog eine Waffe und fragte, was los sei. Er wollte sie erschießen. Ich sagte, daß ich sie auch mitnehme. Dann kam ich zurück. Als ich zurückkam, standen alle nebeneinander am Zaun. Der eine sagte: "Werft die Waffen weg!" Ich sagte: "Was wollt ihr, wir haben die Waffen schon abgegeben." Wir standen in einer Reihe und sie schossen 150 m von uns entfernt weiter auf die Nachbarn und die Häuser und zündeten die Häuser an. Sie schossen mit Panzerfäusten auf die Häuser. Ich sagte zum zweiten Mal: "Was ist mit euch los? Da sind Kinder. Wir haben die Waffen doch abgegeben." Der eine hob die Waffe und sagte: "Was redest du, soll ich dich erschießen?" Der eine war bekannt. Er lebte etwa zwei Kilometer weg von uns. Er kannte mich, weil ich Schmied im Dorf war. Ich baute Anhänger und solche Dinge zusammen. Er nahm die Waffe weg und sagte: "Das ist ein guter Mensch, ich kenne ihn," und sage zu mir: "Geh wieder in die Reihe zurück!" Er stellte mich in die Reihe zurück und dann sagten sie: "Was wollt ihr jetzt machen?" Wir sagten nichts. Und da sagte er: "Führe sie ab geradeaus." Ungefähr 300 Meter weiter war die Straße. Es hat geregnet. Manche Leute liefen barfuß. Wer aus den Häusern rausgekommen ist und hat etwas mitgenommen, hat Glück gehabt, denn sie haben auf die Häuser geschossen. Sie brachten uns in die Schule. Sie gaben uns Zigaretten und sagten: "Ihr werdet bald nach hause gehen." Aus der Schule brachten sie uns auf die Straße und begannen, die Frauen und Kinder von den Männern zu trennen. Die Serben nahmen meinem Sohn den Sohn aus den Armen. Er ist jetzt in Bosnien, er war 20 Jahre alt, als das passierte. Sie sagten zu ihm: "Was willst du? Geb ihn ab, stell dich zu den Männern." Auf der einen Seite waren die Männer, auf der anderen die Frauen und Kinder. Sie sagten: "Macht den Panzer an und überfahrt sie!" Einer sagte: "Geh in die Reihe", ein anderer sagte, "geh nicht", und einer stand hinter mir und machte das Messer scharf. Er sagte: "Ich werde euch die Kehlen durchschneiden." Von uns standen circa 30, 35 Leute dort. Einer sagte: "Frauen und Kinder gehen weiter." In der Reihe blieben mein Sohn, zwei andere und mein Schwager. Dieser Serbe schlug meinen Schwager mit dem Gewehr auf den Kopf und einmal auf die Brust. Sie schickten auch die zwei anderen weg und wir gingen weiter und waren ungefähr 15 Meter weit weg. Der Sohn von meinem Bruder drehte sich, sie schossen. Als ich in der Fabrik war, hörte ich zwei Stunden lang nichts als eben diese Schüsse. Der Junge fiel auf die Knie. Ich wollte ihn hochheben und der eine Serbe sagte: "Guckt nicht, geht weiter." Ich hob ihn auf, wir kamen in die Firma und der Junge war ganz blaß. Der Junge redete nicht, wir gaben ihm Wasser. Wir mußten alles abgeben. Gold, Geld und Uhren und bei wem man einen Ausweis fand, dem wurde der Kopf abgeschnitten. Wir mußten alles abgeben, sie hatten uns durchsucht und wir gingen über die Brücke weiter. Von der Brücke war die Firma 150 Meter weit weg und auf einmal haben sie uns auch da durchsucht. Da waren wir ein paar Stunden, dann kam der Güterzug. Ich sagte: "Leute, es wird etwas für uns vorbereitet." Die Männer hatten 8 Güterwaggons zur Verfügung und sie mußten zuerst einsteigen. Die Frauen und Kinder waren extra,, ich führte meine Schwägerin und kam auch mit den Frauen und Kindern durch. Sie hielten den Zug ein paar mal an. Dann hielten wir einmal ganz an. Die Türen der Waggons waren verschlossen, die Serben liefen um die Waggons herum und fluchten. Wir fuhren durch Prijedor, dann durch Banja Luka, und vor Doboj hielten wir an. Wir hielten ungefähr 6 - 7 Stunden und dann sagten die Serben, sie wüßten nicht, was sie mit uns machen sollten. Die Männer wurden wieder nach vorne geführt und wurden gefragt, was sie nun machen wollten. Bleiben oder gehen? Die 8 Waggons wurden mit den Männern wieder in die Stadt in die Nähe von unserem Dorf gefahren. Die Männer wurden auf den Fußballplatz von Bosanski Novi gebracht und wurden dort 45 Tage festgehalten. Wir fuhren nach Doboj und von Doboj nach Kratzaniza, von Kratzaniza nach Kratschau, von Kratschau fuhren wir nach Bosjawina. Sie sagten uns, wir würden nach Kroatien kommen. Wir wurden in Transportschiffen über das Wasser gebracht. Das war der 11.6. gegen 9 Uhr. Die Brücke war für einen Moment offen. Wir waren in 6 Bussen und drei Lkws. Wir kamen nach Slavonska P. Wir kamen in ein großes Gebäude und mußten dort übernachten. Wir übernachteten auf den Trageliegen. Es gab nicht genug Platz für alle. Morgens bekamen wir Tee und Kaffe und Frühstück. Wir waren dort zwei Tage. Von einem Neffen in Zagreb und seiner Frau rief das Rote Kreuz an und fragte, ob wir da sind. Sie fanden uns und wir gingen zu ihnen. Sie hatten nur eine Wohnung. Diese Schwägerin nahm uns zu sich. Sie meldete uns beim Rathaus an, daß wir bei ihr wohnen würden. Dort waren R., anderer Enkel und die Schwägerin. Sie sagten uns, daß man sich einschreiben kann, damit man nach Deutschland fahren konnte. Der andere Sohn blieb in Gefangenschaft zurück. Sie sind in Gefangenschaft, man bekommt nicht so viel Informationen. Wir wußten nichts davon. Manche sagten, es seien Geschichten. Man hörte, daß UN-Soldaten die Leute aus der Gefangenschaft nach Kroatien bringen würden. Andere sagten, sie würden die Welt nicht mehr sehen, sie würden in eine Kaserne kommen und würden ausgebildet, um gegen die eigenen Leute zu kämpfen. Das passierte nicht, wir trafen uns in Karlovaz. Dort blieben wir 45 Tage. Wir schrieben uns ein, um nach Deutschland zu fahren und wir kamen am 9.8.1992 nach Deutschland. Ich ahnte nichts davon, daß es solange dauern sollte, ich dachte, daß wir wieder nach hause gehen könnten. Branko Velic sagte zu mir: "Es wird nicht lange dauern, nur sechs Monate. Dann geht ihr entweder zurück oder bekommt in Deutschland eine Wohnung. Wer fähig zum Arbeiten ist, bekommt eine Arbeit." Hätte es Gott erlaubt, wäre es besser gewesen. Wäre das passiert, hättet ihr nicht soviel Arbeit mit uns gehabt. Wir waren vier Jahre in der Kaserne und fast vier Jahre haben wir jetzt eine Wohnung. Man beruhigt sich selber und denkt an die Hoffnung. Man ist wie das Wetter: man verändert sich immer. Ich habe die Hoffnung immer noch. Diese Politiker sitzen nur rum und irgendwann wird die Strafe Gottes kommen. Ich werde auch jeden Tag älter. Man hat halt die Hoffnung, daß die Gerechtigkeit kommen wird. Mein Leben ist wie das Wetter. Es verändert sich jeden Tag. Ich würde gerne zurück in mein Land gehen, wenn es frei ist. Aber nur, wenn es frei ist. Es wird ein Haus aufgebaut, so daß man ein Dach über dem Kopf hat, haben sie gesagt. Auch einen kleinen Familienbetrieb. Aber nur für meinen Enkel bitte ich. Der ist noch minderjährig. Es ist sehr schön hier. Wir haben ein bißchen Geld vom Sozialamt. Jetzt ist es hier schöner als dort. Jetzt im Moment... Aber ich finde es nirgendwo schöner als in meinem Land. Aber es ist immer noch keine offene Stadt. Ich war jetzt schon zweimal in Bosnien. Auch auf der Beerdigung. Das war schon zu hart. Die Zukunft für R., meinen Enkel, ist dort kein bißchen besser. Es wurde gesagt, wir müßten zurück. Aber wenn wir demnächst zurückgehen, habe ich keine Arbeit, kein Sozialamt und keine Zukunft. R. ist fast schon ein Mann. Ich höre mich immer um, wer mich etwas beruhigen kann, daß es morgen schöner und besser wird. Ich hoffe, in der Zukunft sind die Präsidenten etwas jünger. Ich bitte sie, jetzt aufhören zu dürfen. Am liebsten würde ich jeden Tag, an dem ich darüber nachdenke, auch darüber schreiben. Es kommt für mich nicht in Frage, in einer serbische Republik zurückzugehen. Auch nicht in die Armee oder zur Polizei. Ich habe gehört, daß die Serben gesagt haben: "Wer zurück kommt, muß unter unser Kommando!" Die Polizei, die bei der Beerdigung meines Sohnes aufgepaßt hat, hat gestern Waffen getragen und uns aus unserem Dorf vertrieben. Wem soll ich glauben, der Tag geht vorbei, die Nacht kommt. Und ich habe nichts. Das ist alles. Danke. Ich könnte jetzt noch viel erzählen, aber das ist egal, das mache ich das nächste Mal, wenn ich hier bin. Aber falls nicht: Der R. ist immer noch da. Wenn ich alleine wäre, aber sechs Kinder, achtzehn Enkelkinder in der ganzen Welt. Sein Bruder, mein Enkel, ist in Bosnien. Zwei Enkel habe ich in Banja Luka. Der Vater ist auch tot. Diese Sozialhilfe, die ich bekomme, teile ich mit meinen zwei Enkeln und meiner Tochter in Banja Luka. Ich beruhige sie immer und sage ihnen: "Wir werden kommen und wir werden etwas haben." Ich habe eine Tochter in Bosnien, Schweden und hier. Ich sehe viel Fernsehen, lieber als Abendessen, es gibt gute Nachrichten und schlechte... 5.12.1999 |