Die getöteten Mitglieder der Familie Tatarevic

 

Muharem
* 25.05.1939

Senad
* 28.04.1961

Sejad
* 09.06.1963

Nihad
* 24.06.1968

Zilhad
* 20.10.1969

Zijad
* 06.05.1972

Nishad
* 11.07.1974

 

 

ZEUGNIS VON Hava Tatarevic

Mein Name ist Hava Tatarevic. Ich bin geboren in Zecovi und dort habe ich geheiratet...

Wie und was der Auslöser war, weiß ich nicht.

Ich habe gut gelebt. Ich habe in der Landwirtschaft und zu Hause gearbeitet. Die Kinder und mein Mann arbeiteten in der Fabrik Vor dem Krieg hatte ich alles, jetzt habe ich nichts. Mein Mann und ein Sohn arbeiteten in einer Keramfabrik.

An diesen Tag, als es anfing, wurden wir stark beschossen. Die Kugeln fielen überall um das Haus und auch auf das Haus selbst. Ich hatte gerade das Mittagessen für meine Familie gekocht. Ich gab meinen Kindern den Rat, ins Maisfeld zu fliehen, doch sie lehnten es ab, warum sollten sie fliehen, wenn sie niemanden etwas zu leide getan haben, sagten sie. Als sich der Beschuß etwas beruhigte, setzten sich alle, um zu essen. Ich selbst konnte nichts essen, mir tat es weh vor Schmerzen. Ich saß und sah ihnen zu, ich wußte nicht, dass es das letzte Mal war, dass meine Kinder zusammen aßen...

Das blutige Spiel der Cetniks setzte sich fort. An diesen Tag nahmen sie alle Männer über 16 Jahren mit. Von meiner Familie führten sie meine sechs Söhne und meinen Mann weg. Sie nahmen sie mir weg, mir blieben meine zwei Töchter und zwei Söhne zurück.

Wir verbrachten vier Tage im Haus, nachdem das passierte, die Angst war groß. Die Cetniks besuchten uns wieder, sie provozierten. Sie fragten mich, wo meine Kinder seien, ich antwortete, daß ich es nicht weiß. Sie sagten mir, "Das ist besser für dich, daß du es nicht weißt". In diesen Tagen wurden wir Zeuge ihrer Plünderungen und Verbrennungen der Häuser.

Ich wunderte mich, warum sich meine Schwester nicht meldet, sie wohnte am anderen Ende des Dorfes. Ich ging hin, um zu sehen, was mit ihnen los ist.

Ich war schockiert, als ich die getöteten und massakrierten Körper der Familie meiner Schwester auf dem Hof sah.

Insgesamt waren 32 getötet worden, sogar die Hunde fraßen langsam die Leichen. Es gab drei oder vier Getötete auf dem Misthaufen. Das Bild war fürchterlich...

Ich ging nach Hause zurück, verängstigt. Ich sagte meinen Schwiegertöchtern, daß bei meiner Schwester alle getötet worden sind. Ich sagte ihnen, sie sollen etwas zu essen machen und dann fliehen wir in die Wälder. Wir versteckten uns unweit des Hauses in Wäldern und Flüssen, es war schrecklich...

Eines Tages ging ich nach Hause, um mich da umzusehen und die Kuh aus dem Stall freizulassen. Sie schossen auf mich, aber zum Glück trafen sie nicht. Ich sagte meiner Schwiegertochter, daß wir mit anderen Menschen weiterziehen müssen, weil sie in großer Zahl Leute mitnahmen. Wir gingen die Straße runter mit einer weißen Fahne in der Hand. Unterwegs trafen wir unseren Nachbarn, der uns sagte, daß sie ein paar junger Männer in einen Stall eingesperrt und den Stall dann angezündet haben. Wir kamen an diesen Ort vorbei und der Stall brannte in der tat. Ich sah eine Jacke vor dem Stall, ich dachte, es ist von meinen Sohn und ich wollte sie nehmen. Meine Schwiegertochter sagte mir, ich sollte nicht von der Straße runtergehen und nur geradeaus vor mich schauen, weil das die Cetniks so befohlen haben. Sie waren überall. Sie waren immer noch in den Häusern, vertrieben und plünderten die Menschen. Wir kamen zum bestimmten Sammelplatz. Cetniks mit Gewehren in den Händen, die auf die Menschenmasse gerichtet waren, sagten uns, wir sollen uns neben der Straße auf die Erde setzen. Ich saß mit meinem Sohn, Semir und meiner Schwiegertochter unter einen Verkehrsschild. Sie fingen an, über unsere Köpfe in dieses Schild zu schießen. Sie provozierten und schossen um sich. Sie beschimpften uns Moslems und unsere Mutter. Sie sagten uns, dass wir niemals zurückkehren werden auf unsere Besitztümer. Als der Bus kam, sagten sie mir, wir sollten einsteigen. Wir mußten uns hinsetzen, den Kopf nach unten senken und die Hände hinter den Kopf legen. Sie brachten uns nach. Trnopolje. Es war ein großes Lager, drin waren schon viele Menschen. Frauen und Kinder brachten sie ins Gebäude. Es gab nichts, wo man sich hinlegen konnte, hier und dort gab es eine Decke. Ich hüllte das Kind in die Decke ein. Wir hatten nichts zu essen, ich hatte kein Geld. Am zweiten Tag lief ich im Hof umher, um jemanden Bekannten zu sehen, um vielleicht etwas über meine Söhne und meinen Mann zu erfahren. Ich ging in die Räume des Roten Kreuzes rein, das die Leute registrierte.

Ich wollte wissen, ob meine Kinder und mein Mann auf ihrer Liste sind. Sie sagten mir, sie hätten nur die Namen der Menschen, die in Tmopolje sind. Das war das serbische Rote Kreuz. Wir übernachteten, am nächsten Tag habe ich einen Mann um etwas Mehl gebeten, um damit den Kindern etwas Brot zu backen. Er gab es mir, während mir andere sagten, ich könnte in die Häuser um das Lager gehen und das plündern, was ich zum Essen brauche, weil auch diese Häuser schon von Moslems gesäubert seien. Ich lehnte es ab, ich habe so etwas nie gemacht. Am selben Tag kamen Lkws mit Planen. Sie sagten, daß alle, die gestern angekommen seien, in die Lkws einsteigen sollen. Ich nahm das Brot, legte es in die Tasche und gemeinsam mit dem Sohn und der Schwiegertochter bin ich in den Lkw eingestiegen. Sie fuhren uns, ich weiß selber nicht wohin. Wir kamen zum Berg Vlasic, wir stiegen aus und sie sagten uns, wir sollen über den Berg zu unseren Leuten gehen. Gleichzeitig beschossen sie über uns die Kampfstellungen auf dem Berg. Wir gingen zu Fuß. Sie sagten uns, wir hätten nur eine halbe Stunde bis Travnik. Es gab viele Alte und Erschöpfte. Wir waren von 10 bis 22 Uhr unterwegs. Als wir zu unseren Leuten ankamen, nahm uns jeder auf, wie er nur konnte.

Sie ordneten uns zu den Häusern, ich verlor meinen Sohn Semir aus den Augen. Am nächsten Tag suchte ich ihn und fand ihn bei einer anderen Familie. Es gab viele Flüchtlinge aus allen Teilen Bosniens. Wir litten sehr, der Ort war klein und wir waren viele. Keine Nahrung. Die Angst und Panik in den Menschen war groß. Wir gingen nach Kroatien, Zagreb. Da hat mir ein gewisser Muharem geholfen, er ist nicht mit mir verwandt, aber er hat mir viel geholfen. Er kam aus Deutschland, er hat gehört, daß wir in Zagreb sind. Er gab uns Geld, damit wir irgendwie überleben können. Wir verbrachten sehr lange Zeit in Erwartung und Angst in Kroatien. Oft kamen mir die schrecklichen Bilder zurück.

Ich weinte nur und hoffte, daß die meinen irgendwann kommen...

Bis heute kamen sie nicht, ich weiß nichts über ihr Schicksal.

Eine Tochter ging nach Australien und der Sohn Semir nach Kanada. Die zweite Tochter geht auch im Februar nach Australien.

Ich weiß nicht wohin ich gehen soll...

Wenn die anderen nur am Leben wären, ich hatte viel Land, wir hätten auch von der Landwirtschaft leben können...

In diesen Tagen hat die kroatische Polizei alle festgenommen, die über 18 Jahre alt waren und schickte sie nach Bosnien in den Krieg zurück. Die Angst war bei allen Flüchtlingen sehr groß.

Wir suchten Papiere, wir mußten weiter. Davor sind wir nach Varazdin verlegt worden. Da habe ich auf meine Tochter und meinen Sohn gewartet, damit wir weitergehen können. Meine Tochter Sena kam, müde und erschöpft. Sie sagte mir, daß wir ins Ausland gehen müssen, es gäbe keine Rückkehr nach Bosnien. Ich betete zu Gott und hoffte, daß wir in unseren Ort zurückkehren. In Varazdin sah ich Bilder im Fernsehen von meinem Ort und von meiner getöteten Schwester und ihrer Familie. An demselben Abend kam auch mein Sohn Sudo. Wegen der großen Aufregung bin ich an diesem Abend erkrankt. Sudo ist als erster nach Deutschland gekommen, er sagte uns, wir sollten es auch tun. Ich wollte nicht, aber ich hatte Angst um meinen Sohn Semir.

Gemeinsam mit meiner Schwiegertochter holte ich die Papiere für Deutschland beim Roten Kreuz. Wir bekamen die Papiere und fuhren los. Wir aßen unterwegs. Die Kinder und die Schwiegertochter aßen, ich konnte nichts runterkriegen.

Wir kamen in Hanau an, es war mir ungewöhnlich. Alles ist umzäunt, großes Tor. Mein Sohn Sudo machte das Tor auf, er mußte uns zuerst anmelden.

Daß es mir gut geht, kann ich nicht sagen. Jetzt geht es mir nicht gut. Früher liebten und respektierten mich alle, sie arbeiteten und brachten ihren Lohn zu mir. Sie warfen nie das Geld aus dem Fenster. Heute, wenn ich fernsehe, sehe ich immer jemanden, der meinen Söhnen ähnlich ist. Es geht mir nicht gut. Ich weine nur und erinnere mich an sie und an das, was uns passiert ist.

Ich erinnere mich, daß ich ihr Rasierzeug mitgenommen habe, ich dachte, ich würde sie irgendwo finden, aber niemals.

Ich habe auch ihre zwei Hemden, ich sehe sie mir nur an und weine. Und diese Cetniks nahmen mir auch meine Söhne weg. Ich hoffe nur, sie zu finden, lebendig oder tot, aber sie sind nirgends, ihre Knochen gibt es auch nicht. Niemand weiß irgend etwas.

Ich weiß nicht mehr was ich sagen soll. Nichts...

Ich weiß nicht, wohin ich zurückkehren soll oder wann.

Es gibt keine Nachbarn, meine Kinder gibt es nicht. Wenn sie am Leben wären und wenn die anderen von unserem Land weggehen würden, ich hätte von dem Land mit meinen Kindern leben können...