ZEUGNIS VON E. S., Jg. 1972Es ist Nacht. Auf einmal habe ich etwas Ungewöhnliches und Lautes gehört. So was habe ich noch nie gehört. Meine Mutter, verängstigt, ruft mich und schreit: "Wir sind angegriffen worden." Sie nimmt meinen Bruder und schickt ihn in den Keller. Die Granaten sind eine nach dem anderen auf unser Dorf gefallen. Ich weiß nicht, was ich machen soll. Mein Bruder schreit, meiner Mutter wird schlecht und sie wird bewußtlos. Ich helfe meiner Mutter und schiebe sie in den Keller, als eine Granate auf unser Nachbarhaus fällt. Ich muß zurück, mein Bruder ist immer noch oben. Ich trage ihn auch in den Keller. Meinem Bruder ging es schlecht, er hat einen Asthmaanfall, er kann nicht atmen, ich versuche, beide zu beruhigen. Ich habe so Angst. Ich denke, draußen geht alles kaputt. Ich fürchte mich, daß jetzt die serbische Armee kommt und uns alle tötet. Ich muß wieder zurück ins Haus, die Medikamente für Mutter und den Bruder holen. Ich habe Angst, ich muß mich eilen, aber ich kann es nicht, meine Beine sind auf einmal wie tot. Ich versuche es wieder, aber es ist so schwer. Mein älterer Bruder kommt gerade nach hause und sagt, daß wir in eine bessere Zuflucht flüchten müßten. Die war hundert Meter von uns entfernt. Dort ist es sicherer. Wir sind langsam nach draußen gegangen. Die Granaten sind immer wieder gefallen. Ich dachte, die sind immer näher. Die Leute draußen laufen in diese Zuflucht und schreien. Ich kann vor Angst nicht mehr gehen, aber ich mußte. Endlich sind wir in der Zuflucht, wo viele andere auch waren. Da waren wir dann bis zum frühen Morgen, bis die Granaten aufgehört haben. Wir mußten zurück nach hause. In unserer Straße sind viele Häuser teilweise oder ganz zerstört. Die serbische Armee teilt uns über Radio mit, daß wir unsere Häuser verlassen müßten oder sie würden das selber machen und das heißt, sie würden uns töten. Wir flüchten dann mit den anderen in den Wald. Da waren alle Leute aus dem Dorf, Kinder, Säuglinge, alte Leute usw. Die Kinder schreien, alle haben Angst. Wir wissen nicht, ob wir diesen Tag und Nacht noch überleben. Wir haben nichts zu essen und ganz wenig zu trinken. Meiner Mutter und meinem Bruder geht es sehr schlecht. Ich denke, wir sind ganz verloren. Vor Angst muß ich sehr oft auf die Toilette, manchmal ist mir heiß und dann wieder kalt, daß ich zittere. Alte Leute fallen um und werden bewußtlos, meine Mutter auch. Mein Bruder schreit. Ich kann ihm nicht helfen, ich versuche, ihm zu sagen, daß alles wieder gut wird, aber selbst glaube ich das auch nicht. Es regnet, es war eine Hölle. Im Wald haben wir übernachtet. Am nächsten Morgen mußten wir zurück, wir haben nichts zu essen und wir sind naß, obwohl wir nicht wissen, ob sie uns dann umbringen werden. Meiner Mutter ging es immer schlechter, sie hatte schon lange Zeit Probleme mit dem Blutdruck und dem Herz und sie hat nicht genug Medikamente. Wir sind im Haus, suchen etwas zu essen und trockene Sachen zum Anziehen. Auf einmal hören wir Schreie draußen. Eine Kolonne mit Autos, Lkws usw. Das waren Leute von sechs Nachbardörfern. Die flüchteten vor der serbischen Armee. Und jetzt mußten die Leute alle in unserem Dorf bleiben, weil die Armee unser Dorf von allen Seiten zugemacht hat und niemandem erlaubt, aus dem Dorf raus zu kommen. Wir haben zwei Familien von diesen Leuten zu uns genommen. Die waren 17 Tage lang bei uns. Am Ende hatten wir kaum was zum Essen. Am 18. Tag sind Panzer und Busse der serbischen Armee durchs Dorf gefahren. Mit dem Gewehr haben sie uns aus dem Haus rausgeschmissen. Gleich bei unserem Haus haben sie vier Männer umgebracht. Die Straße war voll von Leuten. Mein älterer Bruder hat uns gesagt, daß wir in der Mitte dieser Kolonne gehen sollten, weil die Armee auf uns geschossen hat und wer auf der Seite der Kolonne war, wurde verletzt oder getötet. Ich dachte, ich sterbe, ich kann das nicht mehr aushalten. Ich wußte aber, daß ich mich um meine Mutter und meinen Bruder kümmern muß. Die Armee hat auf viele Leute geschossen, so daß wir an Leichen vorbeikommen. Da war viel Blut auf der Straße. Bei den Leichen waren die Augen geöffnet. Diese Bild werde ich nie vergessen. Es war schrecklich. Ich habe meinem Bruder die Augen mit meinen Händen zugedeckt, so daß er das nicht sehen konnte. Wir sind am Ende des Dorfes angekommen. Die Soldaten haben Männer und Frauen getrennt. So waren wir jetzt zwei Kolonnen. Die haben die Männer geschlagen und von uns allen mit Gewalt Geld und Schmuck genommen. Unsere Dokumente mußten wir wegschmeißen. Die haben uns gesagt, daß wir die Dokumente nicht mehr brauchen. Wir dachten, die bringen uns alle um. Die haben uns dann in eine Firma in der Nähe gesperrt. Die haben Soldaten die Leute geschlagen und viele getötet. Das mußten wir alle sehen. Die haben uns beschimpft und gesagt, daß sie die Frauen vergewaltigen werden, egal, wie alt wir sind. Wir durften nicht weinen, nicht sprechen, einfach still sein - kein Essen, kein Wasser, es war so heiß draußen. Mein Bruder, Opa Onke, Cousin, andere Verwandte und Bekannte sind von uns getrennt. Mir wird schlecht, ich habe so Durst, ich werde danach bewußtlos. Die serbische Armee ruft die Männer mit Namen, auch mein Cousin ist gerufen worden. Die sind dann aus der Kolonne herausgetreten. Die serbische Armee hat alle erschossen. Ich zitterte, ich wollte laut vor Wut und Haß schreien, aber ich durfte nicht. Bei dieser Firma in der Nähe gab es einen Bahnhof. Da war ein Zug, in dem Tiere und Sachen transportiert worden waren. Die haben uns alle mit Gewalt in diesen Zug hinein geschmissen. Es war nicht genug Platz für uns alle, wir lagen fast aufeinander. Dann haben sie die Türen zugestoßen, so daß wir nur wenig Luft hatten. Zwei Tage und zwei Nächte waren wir in diesem Zug. Wir sind gefahren, wohin, wußten wir nicht. Die haben uns gesagt, daß sie uns alle töten werden. Wir hatten nichts zu essen und zu trinken. Die Kinder schreien. Sie haben Hunger wie wir alle. Dann kam der Befehl, aus dem Zug herauszukommen. Es war heiß, unsere Augen waren geblendet. Wir haben Durst. Wir haben Angst. Mein Bruder zittert. Wir haben entlang des Gleises gestanden. Sie sagten uns, daß wir jetzt erschossen werden. Meine Mutter wird bewußtlos. Ich war so müde, so durstig, auf einmal war mir egal, ob sie mich töten, Hauptsache, daß alles endlich aufhört. So haben wir eine halbe Stunde gestanden und gewartet, daß wir umgebracht werden. Mein Bruder hat so gezittert und sich bei mir festgehalten. Das war schrecklich. Zu unserer Überraschung kommt ein Offizier und sagt etwas zu einem Soldaten, der auf uns aufgepaßt hat. Dann kam der Befehl, wieder in den Zug zu steigen, aber nur die Frauen und Kinder. Meinen Bruder, Opa und andere hat die Armee getrennt von uns und mit einem anderen Zug in ein Lager zurückgefahren. Uns haben sie dann bis zur Grenze gefahren, wo unsere Leute waren. Da haben sie uns rausgeschmissen. Wir waren frei, aber ein Teil von uns ist bei unserem Bruder und anderen in diesem Lager geblieben. Danach sind wir nach Kroatien gefahren und dann nach Deutschland. Wir hatten keine Ruhe, bis mein Bruder aus dem Lager kam. Dann konnten wir sagen, wir sind frei. E.S., Oktober 2000 |