ZEUGNIS VON D. D., Jg. 1948Unser Golgatha (das meinige und meiner Familie) begann im April 1992, als in Bosnien und Herzegowina der Krieg ausbrach. Noch heute, 8 Jahre nach dem Geschehen, fällt es mir sehr schwer, darüber zu berichten, was damals geschah. Noch heute bin ich von diesen Grausamkeiten, die wir (das Volk aus Bosnien) erleben mußten, entsetzt. Vor meinen Augen sehe ich die Gestalt der Leute, die uns gefoltert und an uns ihre Macht ausgeübt haben. Das waren auch unsere Arbeitskollegen, die wir für Freunde hielten. Bevor der Krieg in Bosnien anfing, lebte ich mit meiner Familie in der Stadt X, die sich in der Region Ostbosniens befindet, die kaum xx km von der Stadt Sarajevo und xx km von Pale entfernt ist. Es ist bekannt, daß Pale der Sitz des Tschetnikstabes mit den Kriegsverbrechern Radovan Karadzic und Ratko Mladic und anderer, ist. Mein Mann und ich haben im Mittelschulzentrum “XX” gearbeitet, er als Vertrauenslehrer und Schulrat und ich als Gymnasiallehrerin. In der Aggression auf Bosnien (BiH) und auf X geschah auch etwas, was ungehört und ungesehen blieb. Unsere serbischen Kollegen, Pädagogen, haben die Ethik ihres Berufes schwer verletzt und mißachtet. Viele von ihnen sind tschetnische Vorkämpfer geworden und nicht nur als Ideologen und Erklärer der Politik, sondern auch als ihre Vollzieher. Sie haben zuerst ihre Schülerinnen und deren Schwestern und deren Mütter vergewaltigt. Sie haben geplündert und verbrannt. Der Sportlehrer J.V. war Führer der serbischen Pädagogen aus X, er war der erste “serbische Freiwillige”. Der Geschichtslehrer N.G. hatte folgendes scherzhaft gesagt: “Die orthodoxe Religion ist die beste und die Serben sind die adeligsten Menschen.” Erst als er die Uniform der Tschetniks angezogen hatte und zusammen mit seiner Frau V. seine nächsten Nachbarn angegriffen hatte, war klar, daß seine Gedanken ernst waren. M. N., ein Erdkundelehrer, war auch “unser guter Freund”, der “über Nacht” zum Tschetnik wurde. Während mein Mann und ich an der Arbeit waren, brachen plötzlich lokale Tschetniks zusammen mit serbischen Truppen aus Serbien und Montenegro, die schwarze Masken trugen, in unsere Schule ein. Alle männlichen Lehrer muslimischer und kroatischer Nationalität, mein Mann auch, wurden gefangen und nach “Sladara”, ein KZ-Lager (vor dem Krieg war das eine Zuckerfabrik) gebracht, wie ich später erfuhr. Frauen, sowohl Lehrerinnen als auch Schülerinnen, wurden in eine zentrale Halle der Schule gebracht und ich war unter ihnen. Wir wurden dort den ganzen Tag gehalten, und ungefähr nach Mitternacht brachen mehrere Tschetniks, die schwarze Masken trugen, in die Halle ein. Viele Schülerinnen wurden vergewaltigt, während die anderen geschlagen und mißhandelt wurden. Ich wurde von dem Schlagen ohnmächtig. Einige Tage wurde ich in Haft gehalten und ich schaffte es, aus X mit der Hilfe einer ehemaligen Schülerin, V. J., zu entkommen. Ich kam nach Sarajevo, wo ich mit meiner Mutter und meiner 9 Jahre alten Tochter wieder zusammenkam. Die Wohnung meiner Mutter war an der ersten Linie der Front und ihre Wohnung wurde Anfang des Krieges zerstört. Die Bürger Sarajevos wissen immer noch nicht, daß der Krieg angefangen hat, daß eine Aggression auf Bosnien und Herzegowina von der Seite der JNA, von der Armee aus Serbien und den Tschetniks ausgeübt wird. Sie wissen nicht, daß der Krieg gegen ein Volk, unbewaffnete und unorganisierte Bürger, begonnen hat. In der Stadt herrscht Panik, gemischt mit einer Fassungslosigkeit gegenüber all dem, was passiert. Uns ist noch nicht bewußt, daß die Einwohner serbischer Nationalität massenweise die Stadt verlassen haben und sie damit die Bedingungen zur barbarischen Granatierung geschaffen haben. Zugucken wie die Häuser zerstört und angezündet werden, wie die Menschen in ihren Wohnungen, auf den Straßen ums Leben kommen, und wie sie naiv erwarten, daß das aufhören wird, glauben, daß das ein Irrtum derjenigen, die diese Stadt angegriffen haben, sein könnte, ist etwas, was man nicht beschreiben kann, denn wenn das alles auch mir nicht passiert wäre, dann könnte ich an das nicht glauben. Eine Antwort gibt es auf das einfach nicht. Daß die Drohungen der SDS (serbische demokratische Partei) Realität geworden sind, müssen wir endlich begreifen. Die Granatierungen werden immer heftiger und jetzt sind sie schon den ganzen Tag zu hören. Wir gehen in die Keller, da es in der Nähe keine Verstecke gibt. Die Tschetniks sind ungefähr 300 m entfernt. In den Kellern verbringen wir ganze Tage. Die Kinder weinen, schreien. Wir sitzen oder stehen, wir reden nicht, wir horchen nur, ob die Tschetniks die Verteidigungsfront durchquert haben und ob sie in die Keller eingedrungen sind. Nur eine unerklärliche Macht/Kraft gibt uns Kraft, damit wir die Keller während der Nacht verlassen können und Essen für den Aufenthalt in den Kellern vorbereiten können. Das Versteck im Keller war eine Illusion der Sicherheit, eine Illusion des Überlebens. Es war schrecklich, an dem Eingang zur Wohnung massakrierte und verzerrte Körper z.B. eines jungen Mannes zu sehen, der unser lieber Nachbar Bruno war und der von einer Granate getroffen worden war. Er war erst 18 Jahre alt. Das war ein Bild, das das Blut in den Adern gefrieren ließ und dieses Bild machte uns stumm. Als meine Tochter das Bild ihres liebenswürdigen Nachbarn sah, fiel sie gleich in Ohnmacht. Damals ließ meine Tochter meine Hand oder die Hand meiner Mutter nicht mehr los und sie entfernte sich nie von uns. Der Aufenthalt im Keller wird immer unerträglicher. Wir sind am Leben und ich glaube, daß das im Moment das Wichtigste ist. Ich sehe die Leiden und die Angst auf den Gesichtern der Menschen, die sich hier mit mir im Keller befinden. Ich kann nicht, ohne an die kürzliche “Begegnung” mit den Tschetniks zu denken und ich kann nicht, ohne mich zu fürchten und keine Angst vor der möglichen “Begegnung” mit ihnen zu haben, weiter im Keller leben. Ich will nicht wieder in ihre Hände fallen. Möglichkeiten, daß ich mich in ihrer Nähe wiederfinde, daß ich alle Vulgaritäten und Flüche, die sich an mich richten, höre, nur weil ich Muslimin bin, könnte ich nicht ertragen. Ich fürchte mich, mich allein mit meinen Gedanken wiederzufinden. Ich fürchte mich, weil dann alles in mir explodieren könnte. Und dann kann ich nicht mehr, ich sammle neue Kräfte und treffe eine Entscheidung. Ich muß etwas unternehmen. Wir müssen aus dem Keller raus kommen, von hier weggehen. Der Tag des Waffenstillstandes ist angekündigt. Ich habe entschieden, daß ich mit meiner Tochter, die damals 9 Jahre alt war, und mit meiner Mutter das Haus verlasse bzw. daß ich gehe und daß wir um den Preis unseres Lebens versuchen, uns bis zur Stadtmitte durchzubringen. Ich nahm unsere Dokumente, das war das einzige, was ich tragen konnte. Und jetzt, wenn ich an diese “Tat” denke, so frage ich mich, ob ich damals dabei bei vollem Bewußtsein war. Es scheint mir so, als ob das Taten gewesen sind, die ich gemacht habe, weil ich mich unter einer gewissen Art der Hypnose befand, weil ich denke, daß ich nur in einer solchen (hypnotisierten) Lage dazu fähig war, mit Kind und Mutter von 69 Jahren eine Strecke von buchstäblich 5-6 km durchzulaufen. Ich wußte nicht, wo wir hinrennen, woher die Schüsse kommen, wo die Granaten fallen und wohin wir uns verstecken sollten, damit sie uns nicht treffen. Ich habe nur daran gedacht, daß wir es schaffen müssen und daß wir nicht mehr in der Reichweite der Tschetniks sein sollten. Wieviel Zeit vergangen ist, das weiß ich nicht, ich weiß nur, daß, als wir es geschafft haben, unverwundet und lebend bis zur Wohnung meiner Schwester zu kommen, mir nichts mehr wichtig war. Jeder, der so etwas geschafft hat, war eine Art Erscheinung für alle, die sich dort befanden. Überraschung, Heiterkeit wegen der Begegnung, wegen des Wiedersehens (von einander), Tränen, Tausende von Fragen, das war meine Wiederkehr in die Wirklichkeit. Ich habe dann erfahren, welcher Tag es gewesen ist (16.5.92) und daß wir viele Tage im Keller verbracht haben. Ich wußte nicht, daß so viele Tage vergangen waren, weil wir die Tage voneinander unterschieden haben (heute von morgen) nur daran, ob mehr oder weniger Granaten gefallen sind, ob wir Schüsse hören, die nah sind oder doch weit entfernt. Sogar in diesem Stadtteil, wo ich mich jetzt befinde, sind Granaten gefallen und hier sind auch Menschen gefallen, aber wenigstens waren die Tschetniks nicht so nah. Es wurde immer schlimmer und die Granatierungen wurden unaufhörlich fortgesetzt. Die Treffrichtungen der Granaten wurden nicht gewählt, da waren Krankenhäuser, Schulen Geburtenhäuser, Wohnanlagen. In Sarajevo gab es keine Militärziele. Das waren alles zivile Ziele, Ziele, damit eine um so größere Zahl der Einwohner getötet wird, damit alles, was nicht serbisch ist, zerstört wird. In der Stadt gibt es keinen Strom, keine Telefonverbindungen, Wasser gibt es nur in einigen Teilgebieten der Stadt. Jetzt sind wir 9 Personen in der Wohnung. Die Nahrungsvorräte werden knapp. Sarajevo ist von der Welt abgetrennt und es ist umzingelt. In den Bergen, in der Umgebung der Stadt sind Panzer und Kanonen aufgestellt. In die Stadt kommt nichts außer dem Tod hinein. Wie verhindert man eine Katastrophe, die den Einwohnern droht? Die Verhandlungen unserer Regierung mit den Serben und der JNA (Jugoslawische Volksarmee) haben eine Organisierung eines Frauen- und Kinderkonvois ergeben, der den Genannten dabei helfen soll, aus der Stadt zu kommen. Es ist “vereinbart”, daß der Konvoi, der die “Botschaft der Kinder / Kinder Ambasada” genannt wurde, ohne weitere Gefahren durch das Territorium der Stadt, welches die Serben - Tschetniks okkupiert haben, gelassen wird. Das war eine Weise bzw. ein Versuch, aus der “Hölle”, die in Sarajevo herrschte, zu entkommen oder wenigstens die Kinder und die Frauen. Die Bedingung von der serbischen Seite her, damit der Konvoi durchkommt, war, daß sich in dem Konvoi kein Mann über 16 Jahre befinden darf. Übers Transistorradio hören wir die Durchsage, daß der Konvoi “Kinder Ambasada” morgen früh aus Sarajevo abfährt. Diesen Tag, den 19. Mai 1992, werde und kann ich niemals vergessen, weil das der Tag war, der die Rettung vor dem Krieg für meine Tochter, meine Mutter und 7000 Frauen und Kinder sein sollte, aber es war der Anfang meiner Alpträume, die noch immer (sogar noch nach 8 Jahren) andauern. Es ist Morgen, es ist neblig und ziemlich kalt. Die Granatierungen haben aufgehört, die Kanonenschüsse haben sich gelegt. Es herrschte irgendeine Totenstille, eine drohende Stille. Es staut sich eine Menge von Autos und Bussen zusammen. In den Autos befinden sich 5-6 Frauen und Kinder, die Busse sind überfüllt (man sitzt zu zweit auf einem Sitzplatz). Es wird versucht, eine größtmögliche Zahl der Frauen und der Kinder aus der Stadt zu schicken. Diejenigen, die bleiben, bringen den unbekannten Frauen, die sie zum ersten Mal in ihrem Leben sehen, ihre Autos, nur damit die Stadt verlassen werden kann. Es ist unglaublich, wie bei einer so großen Anzahl von Leuten und Kindern eine solche Stille herrschen kann. Etwas Ungewisses liegt in der Luft. Nur die Verkrampfung der Schmerzen des Abschieds und der Ungewißheit zeichnet sich auf den Gesichtern der Erwachsenen und der Kinder ab und obwohl die Kinder weinen, so hört man ihr Schluchzen nicht, man sieht nur die Tränen. Sogar wir, die sich dazu “entschieden” haben, die Stadt zu verlassen, sogar die, die zurückbleiben, die sich verabschieden, sind sich nicht im Klaren darüber, daß es für manche ein Abschied auf immer ist, weil einigen von beiden Seiten her (die, die bleiben und die, die gehen) ihr Leben verlieren werden, umkommen oder verschwinden werden. Niemandem war es bewußt, daß dieser “Wahnsinn”, wie wir Bosnier ihn genannt haben, nicht mal für 15 Tage aufhören wird, wie wir gehofft haben, sondern daß das ein Krieg sein wird und daß er 5 Jahre dauern würde, weil, während wir uns vormachten, daß wir zusammen leben müssen und können, bereitete die JNA (die Jugoslawische Volksarmee) das serbische Volk auf den Krieg bzw. auf den Genozid vor. Unsere Meetings, unsere kämpferischen Methoden nach Art Ghandis gegen das kommende Böse, konnten dieses Übel nicht verhindern. Das war eine Selbsttäuschung. Das waren alles Versuche des Unmöglichen, noch eine unserer Illusionen. Eine Illusion, die sich fortsetzte und die sich mit der Organisation dieses Konvois zeigte. Die Kolonne fuhr, bewegte sich Richtung des Ausgangs aus der Stadt, bis sie zum Eingang Ilidzas, einem Vorort Sarajevos, den die Tschetniks besetzt haben, kam und über welchen man aus Sarajevo nach Kroatien kam. Das war “serbisches Territorium” und mit dieser serbischen Herrschaft war eine sorgloser, freier Durchgang des Konvois vereinbart. Mit dem Betreten Ilidzas (15 km vom Zentrum) befand sich der Konvoi umringt von bewaffneten Soldaten der “JNA”, der serbischen Armee, von Tschetniks und von Soldaten, deren Anführer Arkan war. Da wurden wir aufgehalten. Wir sitzen im Auto und warten. Niemand sagt etwas zu uns. Wir wissen nicht, warum wir anhalten. Ich fühle mich verstummt, wenn ich mir diese Gewehre angucke, die auf uns gerichtet sind und bereit sind, jede Sekunde loszuschießen. Ich fühle immer noch keine Angst, die Kinder (meine Tochter und mein Neffe) unterhalten sich, sie lachen sogar. Ich fordere sie auf, ruhig zu sein, da ich Angst habe, daß das die Aufmerksamkeit der Tschetniks provozieren könnte. Ich denke, daß wir schnell weiterfahren können, weil es keinen Grund zur Sorge und Angst gibt, weil alles vereinbart wurde, uns wurde Sicherheit in dem Konvoi versprochen. Wegen diesem Versprechen sind wir losgefahren. Die Autokolonne fährt nach ungefähr einer Stunde los, aber nicht in Richtung des Ausganges aus der Stadt, sondern sie wird in “Nebenwege” geleitet, die zu den von Tschetniks besetzten Teilen führen. Wir begreifen nicht, wir wissen nicht, was das zu bedeuten hat. Wir sehen uns um und sehen, daß sich um uns immer noch bewaffnete serbische Soldaten befinden. Durch die Hauptwege fährt die Kolonne der militärischen Autos, Panzer, Transporter. Nun denke ich, daß das der ausschlaggebende Grund ist, weshalb sie uns vom Hauptweg “wegräumen”. Ich denke, wir können weiterfahren, wenn die ganze Militärgewalt vorüber ist. Damals wußte ich nicht und konnte ich mir auch nicht denken, daß diese ganze Armee, diese ganzen Panzer und Kanonen ihre Wut und ihr Feuer auf das umzingelte Sarajevo abfeuern würden und daß sie den Tod bringen würden – 15000 Kinder und genausoviel Erwachsene und daß sie den größten Teil der Stadt abbrennen und vernichten würden. Ich wußte damals nichts, aber stell dir vor, solche Greueltaten konnte sich niemand vorstellen. Die Kolonne der militärischen Fahrzeuge ist durch gefahren. Es ist spät am Nachmittag. Es sind bereits 6 Stunden vergangen, seit wir in unserem Auto sitzen und warten, umzingelt von bewaffneten Männern der Arkanbande. Aus dem Auto dürfen wir nicht. Dann befehlen sie uns, aus dem Auto auszusteigen, so daß wir uns neben das Auto stellen können. Wir dürfen nicht reden, die Kinder haben sich an uns gepreßt, sie sind geängstigt, aber sie dürfen nicht weinen. Sie durchsuchen uns, nehmen sich das Geld und den Schmuck und das alles, während sie um sich mit Schimpfwörtern und Beleidigungen werfen. Da kommt der tschetnische “Herzog” Nikola (so stellte er sich vor) in Begleitung von anderen Männern und teilt uns mit, dass wir heute abend die Nacht in unseren Autos verbringen werden, weil sie uns nicht weiter lassen können, da der weitere Weg unsicher und gefahrvoll sei, und sie wünschen angeblich nicht, dass uns etwas Schlimmes zustößt. Außerdem müssen sie, wie sie uns sagen, einiges, was die Vereinbarung betrifft, mit unserer Regierung klären und zwar in Bezug auf unsere Sicherheit. Wir müssen wieder zurück ins Auto, dürfen kein Wort von uns geben, wir flüstern. Es ist Nacht, wir schlafen nicht, wir horchen, was geschieht, ich verstehe nichts, ich ahne nur, daß unsere Weiterfahrt zur Freiheit ungewiß ist. Es ist dunkel um mich herum und in mir. Plötzlich höre ich Geschrei, die Tschetniks und die Arkan-Leute hauen mit ihren automatischen Gewehren auf die Autos, sie fluchen, schießen in die Luft, sie streiten sich. Wir schließen uns in den Autos ein. Wir ziehen die Kinder an uns. Meine Tochter zitterte vor Angst, ich auch. Die einen versuchen, uns mit Flüchen, Einschüchterungen und mit der Schießerei aus dem Auto zu vertreiben und die anderen erlauben es denen nicht, indem sie schreien, dass sie das nicht tun dürfen, weil wir Gefangene seien und dass sie uns für den Austausch bräuchten. Ich weiß nicht, wie lang das gedauert hat und ob sie es geschafft haben, jemanden aus dem Auto zu ziehen oder sogar jemanden zu töten, weil es in diesem Teil der Kolonne über 1000 Autos gab. Es war schon eine finster Nacht, als sich das Geschrei legte und als sich die Schießerei legte. Erst da begreife ich, was wirklich vor sich geht. Wir sind gefangen, wir sind Geiseln. O Gott, was ist passiert, wie konnten unsere “Vermittler” den Leuten – Tschetniks – glauben? Woher kommt diese Leichtgläubigkeit, dass man wieder in eine weitere Falle der Tschetniks gerät, Zustimmung auf einen weiteren Betrug der Teschetniks und dass ihnen 7000 Frauen und Kinder ausgeliefert werden und das alles für ihre Vergehen. Mir ist bewußt, dass uns niemand helfen kann und dass wir anderen als “Spielzeug” in ihren Spielen überlassen sind. Zum Glück hatten wir noch etwas Nahrung bei uns, so konnten die Kinder essen und nach allem sind sie schließlich eingeschlafen. Es dämmerte. Sie erlauben uns, aus dem Auto zu steigen. Und in einer Kolonne bringen sie uns einzeln in ein naheliegendes Haus zur Toilette Dann können wir neben dem Auto stehen. Kurz nach diesem Vorfall befehlen sie uns, alle persönlichen Angaben über die Personen, die im Auto sitzen, aufzuschreiben. Danach bringen sie eine Gruppe Frauen und Kinder weg. Wir wissen nicht, wohin und warum. Wir hören nur die Bitten der Frauen, den Kindern nichts zu tun und wir hören, wie die Kinder weinen. Uns berichten sie, das sie uns laufen lassen werden, wenn die serbischen Kinder aus der Kaserne ,,Marschall Tito” in Sarajevo frei gelassen werden, aber falls nur einem der serbischen Kinder etwas zugefügt werden sollte, so würden sie erst unsere Kinder abstechen und dann uns umbringen. Wir wußten, dass es keine serbischen Kinder, keine Geiseln in Sarajevo gibt. Das sollte nur dazu dienen, uns Angst einzujagen. Ich begann, mich zu fürchten. An diesem Nachmittag sehen wir weiße Transporter mit der Kennzeichnung UNHCR. Sie durchqueren in Begleitung der serbischen Transporter den Hauptweg. Eine gewisse “Lebendigkeit” wird in der Masse sichtbar. Man fühlt, dass etwas passiert. Diese weißen Fahrzeuge ,,beruhigen” uns ein wenig und sie bringen einen Hauch Hoffnung, dass man weiß, dass es uns gibt und dass uns jemand “retten” kann. Unsere Freude und unsere Hoffnung war von kurzer Dauer, weil die UNHCR-Fahrzeuge schnell Richtung Sarajevo zurückgekehrt sind und man konnte sie an diesem Tag nicht mehr sehen. Abends an demselben Tag kommt es zu einer erneuten Hölle auf Erden. Als wir uns ein wenig ,,entspannt” haben und neben den Autos standen, haben sie unsere Kinder eingesammelt, haben sie aus unseren Armen weggerissen und sie von uns auf der Wiese getrennt, die sich neben dem Weg befand. Auf der einen Seite sind die Mütter geblieben, weinend und flehend um ihre Kinder, und auf der anderen Seite standen die Kinder weinend vor den geladenen Gewehren der Tschetniks. Dieser Vorfall ist in die tiefste Fuge des Gehirns eingeritzt und ist niemals schwächer in meiner Seele gewesen und ich denke, auch nicht in der Seele meiner Tochter, weil es schwer ist, maskierte Arkan- Leute zu vergessen, von denen man nur die Augen zu sehen bekam. Mit den Schüssen. die in die Luft abgefeuert wurden, wurden die Tränen gestillt, aber das schreckliche Geschrei der Kinder und der Mütter konnte es nicht stillen. Unzählige Schläge der Tschetniks. die auf unsere Köpfe, unseren Rücken fielen, aber ich habe sie nicht gezählt, ich habe mit einem Blick versucht, meine Tochter zu finden. Sie konnten uns erst mit ihren Flüchen und Drohungen, dass sie unsere Kinder umbringen werden, “beruhigen”. So standen wir, es schien mir eine Ewigkeit, während sie die älteren Jungen und Mädchen (von 15 und 16 Jahren) aussuchen und sie dann wegführen . Die Nacht ist bereits herein gebrochen, viele Kinder haben einfach aneinander gelehnt geschlafen. Dann hat auch das aufgehört und sie haben uns zu den Kindern gelassen. Und da mußte ich Kraft finden, damit ich nicht weine, so daß ich meine Tochter trösten konnte und gleichzeitig sie und meine Mutter von dem Schock, den sie erlitten haben, befreien konnte. Wir haben uns ins Auto eingeschlossen und, einander umarmend, versucht, diesen Alptraum zu überschlafen. Spät in der Nacht konnte man das Echo des Schluchzens meiner Tochter und meines Neffen hören, die bereits schliefen. Die Nacht ist ruhig, dunkel, nirgends ist ein Lichtstrahl zu sehen. Noch nie habe ich so etwas Dunkles gesehen, wie diese Nacht es war. Es herrschte Stille, man hörte gar nichts, ich konnte sogar nicht die Anwesenheit der Tschetniks spüren, es war so, als ob sie nicht um uns wären. Ich war beunruhigt wegen des kommenden Tages. Es fing ein neuer Tag an, alles war ruhig, um uns waren keine Tschetniks, nur Stille. Ich erinnere mich nicht mehr, aber ich glaube, dass es geregnet hat oder das kommt mir nur so vor, weil das der Tag war, an dem meine Seele anfing zu weinen. Das war der Tag, an dem meine Alpträume anfingen. Die wild gewordene Räuberbande der Tschetniks bewies mit ihren üblichen Flüchen und mit Schüssen in die Luft ihren “kriegerischen” Mut und die ,,Gewandtheit” der Kriegführung zeigten sie, indem sie jedes Kind oder jede Frau, die sich im Augenblick ihrer Rückkehr nicht im Auto oder Bus befand, schlugen und “Balije” (Schimpfwort für Muslime) nannten. “Heute lassen wir es zu, dass ihr euren Weg fortsetzt. UNHCR wird euch begleiten! Ihr könnt zu Tudzman und zu seinen ´Ustaschas´ (Schimpfwort für extreme Kroaten) gehen.” Das hat uns ein General der serbischen Armee mitgeteilt. Er hat uns noch gesagt, dass es für uns besser gewesen wäre, wenn sie uns ,,erledigt” hätten, als dass sie uns gehen lassen, damit Tudzman das tun kann. Am schlimmsten war es, seine Drohung zu hören, dass diejenigen, die in Sarajevo geblieben sind, erst jetzt ,,zur Vernunft gebracht werden sollen” und dass diejenigen bald mit der Erde vereint sein würden. (Das wurde später sogar wahr; weil sie seitdem unaufhörlich auf Sarajevo bombardierten und Sarajevo bis zum Ende des Krieges zerstörten). Obwohl wir erschöpft waren, unausgeschlafen und hungrig, konnten wir es kaum erwarten, dass die UNHCR- Fahrzeuge endlich kamen. Den ganzen Morgen saßen wir im Auto. Dann stiegen meine Mutter und meine Tochter so gegen 14-15 Uhr aus dem Auto und ich kam ihnen nach, damit wir jemanden fragen konnten, auf die Toilette zu gehen, aber das war ein fataler Fehler für uns, weil sie in diesem Augenblick anfingen, andere Frauen aus den Autos zu werfen und sie dann wegführten Richtung Pale. Manche Frauen haben es geschafft, in andere Autos zu kommen oder sie ließen nur ihre Kinder in diese Autos gehen. Wir blieben zusammen (meine Mutter, meine Tochter und ich). Ich konnte nur das Schmerz sagende Gesicht meiner Schwester und meines Neffen sehen, die im Auto saßen und laut heulten. Obwohl ich es selbst nicht glaubte, sagte ich meiner Mutter und Tochter, dass sie sich keine Sorgen machen müssten, weil wir auch bald frei gelassen werden würden. Sie führen uns (ungefähr 100 Leute) in die Kolonne außerhalb des Konvois und wir gehen auf einem Weg irgendwo im Gebirge und sie laden uns in ihre Lastwagen, der mit einer Plane bedeckt ist. Der übrige Teil des Konvois ist zurückgeblieben (später werden wir erfahren, dass der UNHCR sie aus dem Gebiet der Tschetniks gebracht hat und dass sie auf dem Weg nach Kroatien waren und einige sind aus Kroatien dann überall in die Welt gegangen.....) Während sie uns in die Lastwagen laden, sagen sie uns, dass wir “die Glücklichen” sind, die sie ausgesucht haben, damit sie uns an einen sicheren Ort bringen können, wo wir unter dem ,,Schutz” ihrer Soldaten sein werden und dass sie uns nach einigen Tagen, d.h. sobald sie die Aktion der ,,Säuberung” Sarajevos vollbracht haben, in unsere Häuser und Wohnungen bringen werden. In meinem Kopf hallen die Wörter “Aktion der Säuberung” wieder und ich versuche, nicht an die wahre Bedeutung dieser Worte zu denken. Ich gucke meine Mutter, meine Tochter, andere Kinder und Frauen an. Wohin führen sie uns? Was werden sie den Kindern und uns antun? Das sind Fragen, die in der Luft hängen, aber niemand traut sich, diese auszusprechen. Ich fühle nicht, dass ich weine, ich sehe nur das Glück, wie es vergeht, jetzt weiß ich nicht mehr, wann sich das Glück von mir und meinem Volk verabschiedet hat. Der Lastwagen hält an. Sie scheuchen uns raus, indem sie uns mit den Füßen treten, damit wir schneller raus kommen. Sie führen uns in ein Gebäude, das einst eine Schule war, was man sofort sieht. Sie lassen uns in die Turnhalle, die bereits fast voll mit Frauen und Kinder ist, diese sitzen auf den Bänken und liegen auf dem Boden. Es gibt da auch erwachsene Mädchen, Frauen, Säuglinge und ältere Frauen. Die Luft ist stickig und es sind so viele, dass man nicht mehr stehen kann, ohne auf jemanden zu treten. Man sieht die Erschöpfung auf jedem Gesicht und in den Augen nur Trauer und Schmerz. Wir sind gefangen, die Tschetniks halten “Wache” vor der Tür. Ich versuche ein Gespräch mit den Frauen, die dort sind, anzufangen, aber niemand möchte etwas erzählen und niemand traut sich, etwas zu sagen. Ich erfahre durchs Flüstern von einem Mädchen, dass wir uns in Kalinovic (ein Dorf) befinden, welches ein bekanntes tschetnisches Dorf ist und das bereits seit dem Zweiten Weltkrieg. Das ist die Grundschule ,,Miladin Radojevic”, angeblich irgendein ,,Sammelzentrum”, eine vorläufige Einrichtung, wie es die Tschetniks bezeichnen, in welche sie auch Einwohner anderer moslemischer Dörfer gebracht haben, die sie vorher geplündert und angezündet haben. Die Einwohner der Dörfer, die sie nicht umgebracht haben, haben sie in dieses ,,Sammelzentrum” gebracht. Wie erniedrigend wirkt der Begriff ,,Sammelzentrum” auf mich. Etwa nur weil ich zu einem Volk gehöre, das nicht ,,himmlisch” ist, wie die Serben sich nennen, muß ich so erniedrigt werden und in einem ,,Sammelzentrum” sein? Genauer gesagt, sie haben uns in KZs gebracht, um uns dort zu töten oder zu vergewaltigen und dabei werden sie ihren krankhaften Verstand heilen. Ich frage mich, woher dieser Hass in einem Menschen, in den Leuten, in den größten Teil eines Volks gegenüber anderen kommt, gegenüber dem, was anders ist, was nicht ihres ist, woher kommt diese bestialische Neigung zum Töten, diese psychopathische Destruktion gegenüber allem, was moslemisch ist? Die Antwort finde ich einfach nicht. Ein normaler Mensch kann sich so etwas nicht ausdenken. Wir bekommen je ein Stückchen Brot und Wasser. Das ist alles, was ich dem Kind geben kann, welches seit zwei Tagen wie auch wir nicht gegessen hat. Ich befeuchte das Brot mit Wasser und gebe es dem Kind. Es kann nicht schlucken, es weint nicht, sondern es bittet mich, es nur schlafen zu lassen. Wir schlafen sitzend, weil es keinen Platz gibt, damit man sich hinlegen kann, auch nicht auf dem Boden. Die Nacht vergeht in irgendeinem Halbschlaf, in irgendeiner Erstarrung und in einer Abgestumpftheit sowohl des Körpers als auch des Verstandes. Morgens werfen sie uns hinaus in den Hof mit den üblichen Schimpfwörtern. Die Sonne scheint. Wir können uns endlich bewegen, wenn auch im Kreis auf dem Hof. Um uns sind wieder bärtige, dreckige, zerzauste, uniformierte Tschetniks mit ihren Gewehren. Wir dürfen nicht reden. Ich halte meine Tochter an der Hand, meine Mutter lehnt sich an mich. Sie sind beide schwach, aber ich versuche, das letzte Kraftatom meinem Körper zu entziehen, damit ich sie auf irgend eine Weise ermutigen kann, damit ich ihnen den Aufenthalt hier erleichtern kann. Während des Tages führen sie eine Gruppe mit Kindern und Frauen weg und führen eine neue ein. Bei uns sind nur Frauen und Kinder; obwohl sie auch Männer hierher bringen, wissen wir nicht, wo die ,,Sammelzentren” für sie sind. Anschließend haben sie alte Decken ausgegeben und uns in verschiedene Klassenräume eingeteilt. Ich glaube, dass um die 700-800 Frauen und Kinder gefangengehalten wurden. Die Tage vergehen mit täglichen Malträtierungen, Erniedrigungen und Schlägen. Die Nächte sind am schwersten und am längsten. Ich traue mich nicht einzuschlafen. Ich erfahre schnell, dass es am schlimmsten ist, wenn der Tschetnik D. L. die Wache hält. Die Tschetniks kommen nachts betrunken und nehmen Mädchen und Frauen mit. Einige kommen während des Tages zusammengeschlagen und blutig wieder, aber einige kommen nie mehr zurück. Und deshalb verstecken wir meine Tochter und die anderen Kinder unter den Bänken und bedecken sie mit unseren Beinen und Körpern, nur damit sie diese Bestien in menschlicher Gestalt nicht mitnehmen. Meine Mutter weint oft, sie fürchtet sich um mich und meine Tochter. Sie weint und versteckt ihr Gesicht, damit ich ihre Tränen nicht sehe. Ich habe Angst um sie. Ich weiß nicht, ob sie es schaffen kann und ob sie es schaffen wird. Die Tage und Nächte vergehen, den Hunger können wir ertragen, aber gegen die Ungewissheit, was der Tag und die Nacht bringen wird, verliere ich langsam die Hoffnung. Tagsüber scheuchen sie uns in den Hof, sie führen uns mit sich, damit wir die anderen Räume säubern können, wo sie sich aufhalten, damit wir um die Schule herum sauber machen können, was sie während des Tages und der Nacht während ihrer Sauforgien hinaus in den Hof werfen anstatt in den Müll. Bei all diesen Arbeiten sind sie mit ihren Maschinengewehren anwesend. Wenn wir viele auf dem Hof sind. dann schießen Sie in die Luft, schreien. Ich rieche schon gar nicht mehr die verschmutzte Luft und schon gar nicht die Stickigkeit des Raumes, weil alle verstummt sind. Als in das Lager der Tschetnik P. E. kommt, werden die Schrecknisse noch schlimmer, Angst, Panik, Furcht schleichen sieh ins Lager ein. Nichts wurde besser, als der Tschetnik M. (den Nachnamen kenne ich nicht) ins Lager kam. Ich weiß nicht, wieviele Tage und Nächte vergangen sind, als wir wieder an der ,,Reihe” waren. Wir befanden uns wieder im Lastwagen, zum Glück zusammen. Dieses Mal fuhren sie zu einem “sicheren” Ort. Ist das das Ende aller Leiden oder werden wir wieder irgendwo ,,geschützt” vor Nahrung, Wasser, Kleidung und vor allen elementaren lebensnotwendigen Bedürfnissen sein? Ich denke, dass uns sicher das Ende naht. Sicherlich führen sie ins dorthin, wo sie viele hingeführt haben und von wo aus niemand zurückgekehrt ist und es auch nie mehr tun wird. Ich fürchte mich. Ich umarme meine Tochter und Mutter. Wir weinen. Wir haben noch immer Tränen in den Augen und ab und zu kommt sogar ein Schluchzen über uns. Wir sind immer noch am Leben, aber wir sind schwach und mager und erschöpft. Meine Tochter ist sehr schwach und sie fühlt sich nur noch dazu in der Lage zu schlafen und als sie aufwacht, guckt sie mich nur an. Sie sagt fast gar nichts, ich sehe in ihren Augen nur Angst, Schmerz und die Bitte um Rettung. Ich fühle mich schrecklich, weil ich ihr nicht helfen kann. Ich weiß erneut nicht, wohin sie uns gebracht haben. Wir sind wieder in irgend einem von ihnen eingerichteten ,,Sammelzentrum”. Wieder sind da Frauen, Kinder, Mädchen und ältere Frauen. Wir erfahren, dass wir uns in Kula befinden, welches einen schlechten Ruf als ein tschetnisches Gefängnis hat. Vor dem Krieg war dieses Gefängnis eine offene Anstalt mit einem Restaurant. Was uns jetzt hier erwartet: das Leben, die Qual oder der Tod? Ich brauche nicht lange Zeit und muß nicht lange nachdenken, weil alle ihre ,,sicheren Orte”, ,,Sammelzentren” für Muslime, in Wirklichkeit KZs mit unterschiedlichen Nuancen sind. Morgens führen sie uns auf den Hof und stellen uns auf. Sie sagen uns, dass sie uns hierher gebracht hätten, damit sie uns ,,erhalten” könnten und dass wir hier sicher wären. Damit es uns besser ginge, würden sie uns die Möglichkeit geben zu arbeiten und so würden wir allein dadurch essen können, weil wir uns das ,,verdienen” würden. Sie hätten uns vor dem, was in Sarajevo passiere (Hunger und Tod), ,,gerettet”. Die ganze ,,Willkommensrede” war begleitet von schmählichen Namen für uns und unsere Kinder, denen sie es ermöglicht hätten, das zu erleben, obwohl sie, falls sie überleben sollten, nur ,,Müll” sein würden, weil sie nicht ihrer Religion angehörten. Da habe ich die Entscheidung gefällt, dass ich überleben muß, egal was passieren mag. Ich muß mein Gehirn ,,ausschalten” und deren ,,Spiel” annehmen. Alles was sie sagen, muss ich als ,,Wahrheit” auffassen, hinnehmen, dass wir ,,Gerettete” sind. Ich muß, denn nur so werde ich mehr Kraft für mein Kind, meine Mutter und mich haben. Wenigstens werde ich so ein wenig die Leiden lindern. Sie haben Frauen und Mädchen in Reih und Glied aufgestellt und sie zur ,,Arbeit” gebracht. Sie haben uns auf ein Feld geführt, welches mit Sträuchern bewachsen war und sie haben uns befohlen, diese auszurupfen. Das Blut goss mir aus den Händen, aber die Tränen sind bei mir nicht geflossen. Ich habe keinen Schmerz gefühlt. Ich habe mich selber gezwungen, eine andere Person zu sein. Nur so kann ich das durchstehen. Ich habe weder aufgehört zu arbeiten noch habe ich die Hoffnung aufgegeben und so bin ich jedem Schlag unserer ,,Retter” ausgewichen. Wir hörten das Echo der Granaten, die aus der Richtung Sarajevos kamen und fürchteten uns noch mehr. Nachts haben sie uns zurückgebracht und dann haben wir unser verdientes Essen bekommen. Das war eine Art ,,Suppe” und ein Stück Brot. Ich habe nur meine Tochter und Mutter gesucht. Ihnen ging es nicht gut. Tagsüber herrschte ,,Arbeitspflicht” und nachts herrschte eine Heidenangst, weil man nachts schmerzliches Geschrei der Frauen und Mädchen hören konnte. Das alles habe ich ertragen, aber ich habe es nur schwer ertragen können, dass meine Tochter statt einer sorgenfreien und heiteren Kindheit nun die Zeugin all dieser Schreckenstaten war. Es gibt nichts Schrecklicheres als die leidenden Kinder und auch das eigene Kind zu sehen und ihnen nicht helfen zu können. Ich habe nur zu Gott gebeten, dass ich nicht verrückt werde und dass diese Qualen endlich ein Ende nehmen. Alles was ich wußte, war, dass das eine Erniedrigung der Menschen war, die in eine Situation gebracht wurden, in der sie nicht wählen und entscheiden konnten und ich wußte, dass das zugleich die Liquidierung der Moslems war. Der Tag, an dem ich wieder geboren wurde, (ist das eine Zufälligkeit oder Glück, dass der Mensch zweimal geboren werden kann?), er war warm und es war der erste wirklich warme Tag im August (das Datum 4.8. werde ich im Bus erfahren). Eine Gruppe von Frauen, Kindern, meine Tochter, meine Mutter und mich haben sie in einen Bus reingedrängt und uns gefahren. Wohin? Dieses Mal haben sie uns gesagt, dass es einen Austausch geben wird und dass sie uns dorthin bringen. Bedeutet das jetzt etwas anderes oder ist das wieder ein noch ,,sicherer” oder schrecklicherer Ort als der zuvor? Das was nachher geschah, ist mit einem Nebelschleier bedeckt, weil es so aussieht, als ob ich damals in einem solchen Schock war, dass ich nicht begriffen habe, was wirklich passiert ist. Sie haben uns einfach ausgetauscht, wir sind über die Brücke ,,Brüderlichkeit und Einigkeit” in Grbavica (ein Stadtteil Sarajevos, der von Tschetniks besetzt ist) gegangen und haben uns auf der Seite Sarajevos wiedergefunden , die der Armee von Bosnien und Herzegowina gehörte. Alles was ich weiß, ist, dass ich mich da wirklich sicher gefühlt habe und in einem Fahrzeug/Transporter habe ich meine Tochter fest umarmt und bin dann eingeschlafen. Als ich aufgewacht bin, haben sie mir gesagt, dass ich in Split bin und dass wir frei sind. Sie haben uns in einem Flüchtlingszentrum untergebracht und wir sollten in Zelten schlafen. Sie haben uns etwas zu essen gegeben. Das war die erste normale Mahlzeit seit dem 19.5., als ich in dem Konvoi ,,Kinder Ambasada” Sarajevo verlassen habe. Da bin ich meiner Schwester begegnet, die meine Abreise nach Deutschland organisiert hat, aber meine Mutter ist in Kroatien geblieben, weil sie sich nicht in der Lage fühlte zu reisen. Erst im Januar 93 ist sie nach Deutschland gekommen. Obwohl sie krank war, mußte sie Kroatien verlassen und deshalb nach Deutschland ausreisen, weil es damals zu einem Konflikt zwischen Muslimen und Kroaten kam. Die ganze Zeit wußte ich nicht, was mit meinem Mann los war, obwohl ich über das Rote Kreuz versucht habe, etwas über ihn zu erfahren. Als er im April 1994 mit der Hilfe des UNHCRs in die BR Deutschland kam, hatte ich Schwierigkeiten, ihn wiederzuerkennen. Nach all dem, was er im Krieg durchlebt hatte, war das ein völlig anderer Mensch, der in einem solchen Ausmaß seelisch gebrochen war, dass ich gleichzeitig erschrocken und unendlich traurig war. Das alles war zu viel für mich wie auch für meine Tochter und Mutter. Darüber nicht zu reden, bedeutete für mich, daran nicht erinnert zu werden, deswegen konnte und wollte ich mit keinem reden. Meine/unsere Seele wurde so verletzt und ich fühlte mich damals wie heute auch so schrecklich und ich frage mich, warum mußten wir trotz unserer Leiden weiter erniedrigt werden. Ich möchte kein Mitleid, das tat mir unheimlich weh, ich wollte als Mensch angesehen werden. In dem Moment, als wir aus unserem Haus vertrieben wurden, trugen wir in unserer Seele große Wunden davon, die jeden Tagen größer werden, weil uns jetzt bewußt geworden ist, dass wir weder ein Haus noch ein Land haben, weil jetzt dort die, die uns vertrieben und gefoltert haben, herrschen, und ich würde lieber jede andere Option wählen als das Zusammenleben mit unseren Peinigern. Wer das alles nicht erlebt und auf eigener Haut gespürt hat, kann kaum glauben, dass die Leute einander so etwas antun können und dass sich Menschen in Tiere verwandeln können. Es sind wenige Menschen, die unser Leid verstehen. Das sind die Leute, die mir Vertrauen in die Menschen zurückgeben, sie zeigen mir, dass ich trotz allem nicht allein bin und dafür bin ich ihnen endlos dankbar. Ich habe meine ,,Geschichte”, so weit ich konnte, erzählt, weil ich denke, dass es noch zu früh ist, dass ich alles erzähle. Ich glaube nicht, dass ich das jemals ohne Anstrengung können werde, weil jedes Mal, wenn das in meine Gedanken und Träume zurückkehrt, bekomme ich am ganzem Körper eine Gänsehaut, dann gerate ich in Angst und Panik. Wird mein Kind die maskierten Laute jemals vergessen, die mit den Gewehrkolben auf die Tür schlagen, die Granatierung, das Versteck im Keller, das Leid in den Lagern? Wann wird das aufhören? Vergessen kann ich das nie, aber wann werde ich neu anfangen können? Wann werde ich meine Erinnerungen verdrängen und ein neues Leben anfangen? Vielleicht hört das nie auf, weil ich dann wieder alles in die Gegenwart zurückrufen muß, um versuchen zu sagen, dass ich ein Mensch bin. D.D., im März/April 2000 (Frau D. ist bis heute nicht als “traumatisiert” anerkannt, trotz mehrerer fachärztlicher Gutachten und Bescheinigungen; seit über einem Jahr muß sie ständig befürchten, vom deutschen Staat jederzeit an ihre Peiniger ausgeliefert zu werden. – Klaus-Dieter Grothe) |