ZEUGNIS VON D.D., Jg. 1944

Ich heiße D.D., bin 1944 in Banja Luka geboren, bzw. in Zelinac und in Banja Luka wurde ich eingeschrieben. In meiner Urkunde ist Banja Luka als Geburtsort eingetragen.

Meine Familie ist während des Zweites Weltkrieges aus Bozac (Botschaz) nach Banja Luka geflüchtet und dort geblieben, weil sie nicht zurückkehren konnten. Ich weiß nicht, wann wir genau nach Mahovljane gekommen sind, wo meine Eltern ein Grundstück kauften und ich heiratete und lebte weiter dort.

Mein Mann kaufte ein Grundstück und wir lebten auf dem Land, wir haben uns mit der Landwirtschaft beschäftigt. Mein Mann hat nie irgendwo anders gearbeitet. Wir haben Landprodukte verkauft und so ernährten wir uns. Wir hatten 4 Kühe und wir haben auch Milch verkauft und konnten unsere Kinder in die Schule schicken. Wir haben  gut gelebt, aber 1992 geriet alles aus den Fugen, bis dahin haben wir ruhig  gelebt, niemand hatte uns attackiert. Dann begannen sie uns anzugreifen. Womit? Mit allen Mitteln.

Am Tag war es ruhig, aber als die Nacht herein brach, begannen sie erst mit dem Anzünden. Sie fackelten draußen das Heu ab und  schossen mit Feuerwaffen nach uns.

Wir hatten keine Ruhe mehr. Sie benutzten Maschinengewere-MGs, wir wußten das, weil wir während des Tags das Feld bearbeiten haben, und dann sahen wir an einem Platz, wo wir Mais brachen, Hunderte von Kapseln. Wir fürchteten uns vor  ihnen, wir erwarteten, dass sie ins Haus kamen. Wir hatten Angst, daß sie eine Bombe in unser Haus werfen könnten.

Sie haben alles, was wir hatten, angezündet. Unser Stall und unser Haus wurden angezündet. Genauer gesagt haben sie zuerst den Sprengstoff aufgestellt und dann sind die Fenstergläser zersplittert und alles was im Haus war – Kühlschrank, Fernsehgerät, Radio und anderes wurde vernichtet. Wir begannen, das zu reparieren, wir versuchten, das Dach zu reparieren, die Fenster haben wir mit Nylonfolien und mit Blech wieder vernagelt.

Wir versuchen, dort weiter zu leben, aber es ging  nicht, weil sie uns ständig angegriffen haben. Dann sind wir eines nachts in eine andere Siedlung gegangen, weil dort mehrere Leute gewesen sind und so haben wir uns sicherer gefühlt.

Als wir am nächsten Tag zurückkehrten, war alles angezündet, alles was wir hatten, hatten sie angezündet – unser Haus, unseren Stall und unsere Kuh.

Sie verbrannten unsere Kuh. Sie ist lebend abgebrannt. Wir durften nichts sagen, mußten froh sein, daß wir selber am Leben waren. Wir hatten den Mut, alles zu sehen. Am nächsten Morgen kamen wir wieder, um alles noch einmal zu sehen. Es rauchte noch. Als dann alles verbrannt war, durften wir nicht nach Hause zurückkehren. Wir durften nicht mehr arbeiten. Tagsüber ließen sie uns in Ruhe.

Mein Mann und mein Sohn und der Sohn von meinem Schwager wollten die Sägespäne fürs Feuer holen, und dann kam der Mann, der alles angezündet hat, er hatte einen Scharfschützen und sagte zu uns: “Was sucht ihr hier, Balije”(Balija- Schimpfwort für  Muslime in Bosnien), und sagte, wir sollen zu Alija gehen, es sei nicht unser Land, das sei serbisches Land und fragte uns, was wir noch dort zu suchen hätten. Dann kam die Polizei, aber sie wollten ihnen nichts antun, sie sagten zu uns: “Haut ab”. “Alles gehört uns!”, sagten sie. Mein Mann erwiderte und sagte : ”Nein, das kann nicht sein”, aber mein Sohn spürte die Gefahr und sagte zum Vater: “Laß das!”

Am gleichen Tag brachen ich, meine Nachbarin und meine Tochter mit einem Pferdewagen auf. Die Polizei kam. Sie begannen, uns zu schlagen und die Polizei hat das gesehen und hat nichts zu ihnen gesagt. Wir erwarteten, daß sie eine Bombe warfen. Es waren ich, mein Mann, unsere zwei Kinder und drei Kinder von meinem Schwager.

Wir lagen auf dem Fußboden, man hat vor Staub und Patronen nichts sehen können.

Dann versuchten wir, hinaus zu kommen, wir wollten zu unserem Nachbarn gehen.

Er hat uns die ganze Nacht gesucht, die Kinder schrien: “Mama, er kommt!” “Nein. Er kommt nicht”, tröstete ich sie. Er hat 500  Meter entfernt von uns gewohnt. Das war unser Nachbar.

Am Morgen darauf wußten wir nicht, wo wir hingehen sollten, sie haben uns wie Hasen gejagt. An diesem Tag konnten wir gerade noch unsere Köpfe retten.

Wir kamen in Banja Luka an, wo wir noch 5 bis 6 Monate blieben. Wir lebten  von der Humanitärhilfe, wir haben nicht gearbeitet. Wir versuchten rauszukommen, aber wir konnten nicht, weil wir keine Dokumente hatten. Wir haben versucht, aus Banja Luka rauszukommen, aber wir konnten die Erlaubnis nicht  bekommen. UNHCR war machtlos, alles, was die Serben nicht erlaubten, durfte nicht gemacht werden.

Dort waren wir 5, 6 Monate. Es war  der 7. April. Ishak, mein Mann, wollte nach Laktaze gehen, in die Gemeinde, um uns abzumelden. Sie erlaubten uns herauszukommen. An diesem Tag haben sie Gorazde angegriffen.

In dieser Nacht  brachen sie gegen 3 Uhr ins  Haus ein. Das war ein kleines Haus von unseren Verwandte, früher wohnten dort Studenten. Wir ahnten nichts, hörten nichts.

Auf einmal sah ich einen Mann in Uniform, er stand neben  uns. Mein Mann fragte: “Was ist los? Um was geht es?”

Er schlug mich gleich, ich versuchte aufzustehen, aber er schlug mich auf dem Kopf und sagte: "Gib das Geld! Gib das  Gold!", und dabei schimpfte er. Ich sagte : “Wir haben keines”. Der  Zweite schrie: “Zieh sie nackt aus!  Schlachte sie!” Er hielt ein Messer. Ich antworte: “Schlachte doch!”

Ich hatte Ohrringe und meinen Ehering. Er trug einen Pferdeschwanz, hatte eine Lederjacke an. Er schimpfte. Das waren alles unsere Nachbarn gewesen. Sie haben sie geschickt, sie wussten alles von uns. Ich glaubte an Gott, er hat uns geholfen.

Er hielt ein Messer. Mein Schlafanzug war voller Blut..... es war schrecklich..... Im anderen Zimmer waren die Kinder und mein Schwager. Seine Tochter führten sie mit sich weg, sie wurde auch vergewaltigt. Ich weiß nicht mehr, was war. Ich fiel hin, ich versank....... Oh, Gott........ Es war schrecklich..... Mein Mann und ein Kind von meinem Schwager wollten mich umziehen. Ich hatte viel Blut verloren. Ich war ohnmächtig. Ich lag auf dem Bett, das Kissen und die Bettunterlage waren blutig. Ich blutete, mein Kopf war verletzt. Das Blut floß aus meinem Kopf wie aus einer Quelle. Überall war Blut...

Morgends früh sollte ich zum Arzt gehen, aber ich hatte Angst. Ich durfte nicht zu ihrem Arzt gehen. Ich wäre lieber gestorben. Ich habe viel Blut verloren. Wir gingen zum Krankenhaus, aber ich durfte nicht hineingehen. Wir gingen ins “Merhamet”, eine humanitäre Organisation. Dort hatten sie gar  nichts. Es war dort ein Arzt aus Somalien, zum Glück war er Gynäkologe und dort war auch Dr. Biscevic. Wir waren nicht allein gekommen, es sind noch viele verletzte Menschen dort gewesen. Sie waren durchgeprügelt worden.

Im Merhamet haben sie mir geholfen und sie haben meine Wunden zugenäht. Ich konnte mich nicht waschen, 20 Tage konnte ich nicht meine Haare waschen. Ich versuchte es, aber es ging nicht.

Ich habe immer noch Angst. Ich fürchte mich..... Wir haben ihnen geglaubt, ich dachte nie, dass wir so was erlebten könnten, was wir erlebt haben.

Danach erlaubten sie uns hinauszugehen. Wir hatten Angst. Wir schliefen alle zusammen in einem Zimmer. Als wir ausgingen, mußten wir unterschreiben, daß wir ihnen alles überlassen. Die Kinder mußten 150 DM für die serbische Uniform bezahlen. Meine Tochter ging sich abmelden. Der Hauptmann vom Verteidigungsbündnis fragte sie, warum die Eltern nicht rausgingen. Sie sagte, daß wir nicht wüßten, wohin wir gehen sollten, und dass wir kein Geld hätten. Dann sagte sie, dass sie auch wieder zurückkommen will. Er erwiderte “Niemals”. Wenn sie zurückkehren könnte, dann hätten sie das alles nicht zu machen brauchen.

Wir wollten bleiben. Wohin sollten wir gehen? Das ist unser Land, aber sie erlaubten uns nicht, in unserem Land zu bleiben. Wir hatten gehört, daß sie an der Ausgangsrampe alles untersuchten. Als wir dann gingen, hatten sie Gorazde angegriffen. Es war der 20. Ich weiß nicht, welcher Tag das war. Als wir rausgingen, mussten wir durch 3 Ausgangsrampen gehen.

Als wir in Kroatien ankamen, war es schön. In Deutschland war es auch schön. Ich sagte immer wieder, dass wir der deutschen Regierung unendlich dankbar seien. Wir sind allen guten Menschen  dankbar, den Ärzten, die uns geholfen haben und die uns noch immer helfen, weil wir gar nichts haben, wir können nicht zurückkehren, wir wissen nicht, wohin wir gehen sollen, weil sie es uns nicht erlauben, in unseren Ort zurückzukehren, und wenn sie es erlauben würden, würden wir uns nicht trauen.

Wie es sein wird, weiß ich nicht, ich hätte nicht gedacht, daß ich das erleben könnte, was ich erlebt habe. Wir lebten schön. Was soll ich sagen? Sie haben uns das Schlimmste angetan, sie haben uns Schmerz zugefügt. Sie haben uns ein Übel angetan. Ich bin sprachlos. Ich wüßte nicht, wie ich mit ihnen leben könnte. Wir lebten zwei Jahre in Angst, sie erlaubten uns nicht, dort zu bleiben. Ich weiß nicht, ich glaube nicht......... Mein Herz ist nicht gesund, wenn ich in Angst leben soll, dann wäre es besser, nicht mehr weiter zu leben. Wir wünschten, in unserem Land zu bleiben, aber sie erlaubten es uns nicht. Sie haben uns angegriffen. Ich vergesse, ich kann mich nicht erinnern.

Wir haben niemanden etwas getan. Als sie Kroatien angegriffen haben, dann sagten sie, dass Kroaten böse Menschen seien. Ich finde dafür kein Wort, was sie gemacht haben. Ihnen hat die Plünderei nicht genügt, sondern sie mußten auch noch hilflose Mädchen und Frauen angreifen.

Ich glaubte an Gott, nur er hat uns davor bewahrt, sie haben geurteilt; sie haben regiert; sie haben uns geängstigt; angezündet; sie haben meine Kuh verbrannt, sie haben ein Messer an meinen Hals gehalten, sie hätten uns schlachten können, sie haben mir das Schlimmste angetan.

Ich kann ihnen weder glauben noch mit ihnen leben. Wir sind ohne alles geblieben.

Was wird weiter sein?

Man muß dran denken, wie man leben könnte. Es kommen wieder die Bilder.

Ich vergesse..........

Ich könnte viel sagen, aber ich vergesse..........................