ZEUGNIS VON A.G., Jg. 1960

Meine Kriegserlebnisse: ein Teil der Verbrechen, die im Lager Keraterm/Omarska geschahen

9.7.1992: Ich befand mich im Dorf Draci unter den Zivilisten. Es kam eine große Zahl von Soldaten; sie fuhren uns nach Trnopolje. Unterwegs schlugen sie uns sehr, malträtierten uns und führten die Leute aus den Kolonnen heraus - die kamen nicht wieder.

Als wir auf den Fußballplatz in Trnopolje gelangten, donnerten dort Geschosse der Maschinengewehre. Es fuhren drei Busse vor, die uns nach Omarska befördern sollten. Wir saßen dann drei Stunden lang in den Bussen: die einen schrieen "bringt sie alle um", die anderen "erschießt sie". Dann befahlen sie uns, die Köpfe zu senken; und, nachdem sie die Heizung einschalteten, fuhren wir weiter. Die Fahrt dauerte längere Zeit. Wir waren erschrocken und ganz durchschwitzt.

Auf einmal hielten die Busse an. Wir hörten eine starke, donnernde Stimme: "Aufstehen!" Wir richteten uns schnell auf. Sogleich ertönten Aufschreie und weinende Stimmen der Leute. Der Bus, in dem ich mich befand, fuhr einige Meter vorwärts, stoppte aber sofort wieder. Zu hören war donnerndes Gebrüll der Soldaten: "Die Türe auf! Her mit den Balijen, lasst uns sie abschlachten!"

Vorne am Eingang stand ein Soldat mit einem Stock in der Hand. Während wir ausstiegen, einer nach dem anderen, schlug er jeden mit dem Stock auf den Kopf und fluchte und beschimpfte dabei unsere "Balijen-Mütter". Als ich schließlich an der Reihe war, gab er mir ebenfalls einen furchtbaren, schrecklich schmerzenden Schlag auf den Kopf. Draußen vor mir sah ich sogleich in zwei Reihen stehende Soldaten und starkes Scheinwerferlicht war auf meine Augen gerichtet. Als ich dann zu Boden fiel, rollte ich von selbst zwischen diese beiden Reihen. Mich auf diese Weise vorwärtsbewegend, erhielt ich furchtbare Schläge in alle Körperteile. Einer der Soldaten griff mich an den Haaren, zog mich zu dem Pförtnerhäuschen und verlangte von mir gleichzeitig die persönlichen Daten. Nachdem ich ihnen alles erzählt hatte, fasste mich wieder einer an den Haaren und ein anderer an der Hand. Sie durchsuchten mich und schlugen mich dabei mit Händen und Füssen. Wieder griff mich einer am Arm und befahl mir, vorwärts zu laufen. Da sah ich vor mir eine Gruppe von Menschen, aufgestellt in mehreren Reihen. Sie waren umkreist von Leuten, die Polizeiuniformen trugen und mit Gewehren bewaffnet waren. Während ich so erschrocken und verwirrt von all dem da stand, trat mich ein Soldat mit dem Fuß und befahl mir, mich in die Reihen mit dieser "Bande" hinzustellen und den Kopf zu senken.

Ich sah M. D., einen älteren Mann, nachdem er durch die zwei Soldatenreihen durchgegangen war. Er war ganz mit Blut überströmt, der Kopf zerschlagen; er wurde durchgeprügelt auf die gleiche Weise wie ich. Alle erlitten wir das gleiche Schicksal.

Man hat uns dann in drei Gruppen eingeteilt. Ich war in den Raum 2 eingeordnet. Darin befanden sich bereits viele Menschen. Sie alle waren erschöpft, erschrocken, hungrig und mit Blut bedeckt. Auf ihren Körpern waren Wunden zu sehen. Viele von ihnen klagten stark über Schmerzen; innen drin war schwüle Hitze.

Da sah ich einen Mann in folgendem Zustand: sein linker Arm war völlig schwarz, in der Mitte des Arms eine Wunde, voll von Würmern und auf dem Kopf eine große Beule. In mir gerann das Blut, ich geriet in Panik. Viele Menschen starben an solchen Wunden.

Drei Tage bekamen wir weder zu essen noch zu trinken, stattdessen nur Prügel und Schläge. Brot stellte man vor uns hinter die Gitter, so dass wir es betrachten konnten.

Als ich zum ersten Mal zu essen bekam, war die Nahrung so fade, dass ich nicht wusste, was ich aß und durch die Brotscheiben konnte man alles sehen.

Jeden Abend wurde die Leute aufgerufen und geschlagen. Ich erinnere mich gut an einen Jungen, der A. hieß. Als er während der Schicht der Gebrüder B. aufgerufen wurde, ging er. Als der ältere Wächter ihn dann zurückbrachte, aus den Räumen der Gebrüder B., stürzte er vor dem Gitter zu Boden. Er war ganz von Blut überströmt und atmete schwer. Am nächsten Abend erlag er den Wunden.

Kaum ein Häftling wurde von den Schlägen der Gebrüder B. verschont. Eines Tages wurden einige von uns Häftlingen einem Verhör unterzogen. Als ich an der Reihe war, kam ein Mann in Polizeiuniform. Er trug einen Schnurrbart und an der Hüfte eine Pistole. Unterwegs zu dem Raum, begegnete ich M.G. Ein Soldat begleitete ihn, während sein Kopf blutüberströmt war (wörtlich: "sein Kopf war im Blut"). Danach begegnete ich S. G. und H. S.: beide schluchzten und waren ebenfalls blutüberströmt. S., H. und einige andere waren von den Gebrüdern B. davor aufgerufen worden. Sie sind an diesem Abend sehr geschlagen worden. Leute in diesem Zustand habe davor nur im (Horror-)Film und bei schweren Verkehrsunfällen gesehen. Bis zu drei Tagen kamen sie nicht zu sich. Viele flehten die Wächter an, sie umzubringen, weil sie die Schmerzen nicht ertragen konnten.

Ich wurde von einem Polizisten namens K. in den ersten Stock der Fabrik geführt. Da sah ich im Flur mehrere Soldaten, während in den Räumen Lärm und Wehrufe der Leute zu hören waren. Als ich in den Raum eintrat, standen da zwei Soldaten vor mir, ein dritter saß am Tisch. Sie fragten mich nach Waffen. Ich antwortete, ich sei ein Zivilist gewesen und wüsste nichts davon. Einer von den beiden Stehenden schlug mich ins Gesicht und befahl mir zu gehen. Ich dachte mir im Gehen "du bist gut davongekommen". Derjenige der mich geohrfeigt hatte, rief: "K., halte diesen Extremisten fest!" Der andere sagte nichts. Gleichzeitig sah ich A. J. und N. K., die sich auf dem Fußboden wälzten, während D. D. und der Polizist K. sie schlugen. Beide befanden sich bereits in sehr schlechtem Zustand. Der Polizist hatte einen Stock in der Hand, D. D. einen eisernen Hydrantenschlüssel. Beide waren sehr erregt und brüllten: "Komm, Vögelchen, jetzt wirst du lernen zu zwitschern" D. warf den Schlüssel aus der Hand, zog ein Messer von der Hüfte, griff mit seiner linken Hand meinen rechten Arm und fing an hineinzuschneiden. Das Blut floss aus dem Arm; im selben Augenblick sah ich den Polizisten K. die Hand mit dem Stock heben - er traf mich direkt auf den Kopf. Ich bekam einen "Regen" von Prügel und fiel in Ohnmacht. Als ich wieder zu Bewusstsein kam, befahl K. einem Soldaten, mich in Raum 2 zu führen. Der Soldat führte mich, ich war in sehr schlechtem Zustand. Ich brauchte sehr viele, lange Tage, ich weiß nicht genau, wie viele, bis ich mich davon erholt hatte.

Ich betete zu Gott, nicht wieder aufgerufen zu werden. Mehrere Male habe ich versucht, mich zu erhängen, weil ich all diese Torturen und Erniedrigungen nicht ertragen konnte. Doch die Mitinhaftierten hinderten mich stets daran.

Ich erinnere mich nicht, dass auch nur einer der Wächter einen Häftling verschont hätte. Alle, ohne Ausnahme, haben uns geschlagen, malträtiert, erniedrigt, oder sich anders an uns ausgelebt.

Viele Inhaftierte wurden aufgerufen und mit den Bussen abtransportiert, von denen bis heute jede Spur fehlt. Eines Tages, als eine Gruppe von ca. 300 Leuten aus dem Dorf Hambarine kam, konnte ich persönlich beobachten, wie sie von den Gebrüdern B. und anderen Soldaten geschlagen wurden. Der kleinere, jüngere B. hatte dabei einen Stock mit einer Metallkugel an der Spitze, der andere, ältere, eine Metallstange. Ich sah, wie sie den Leuten ihre Pistolen in den Mund schoben...

Viele von den Aufgerufenen in Omarska kannte ich vom Sehen, wie z.B. H. G., A. J., S. J., N. B. Sie alle wurden von den Gebrüdern B. geschlagen und misshandelt. Ich sah auch D. D. M. G. erzählte mir, wie er von D. D. mit dem Hydrantenschlüssel geschlagen und mit den Füssen getreten wurde.

Jedes Mal, wenn wir zum Mittagessen gingen, schossen sie auf uns und schlugen uns die Portionsschüsseln mit Stöcken aus den Händen.

Eines Nachts ertönte plötzlich lautes Geschrei der Soldaten: "D., bring sie alle um!" Ich konnte die Stimme des Z. wiedererkennen. Er war es, der da brüllte. Auf einmal donnerten die Maschinengewehre und gleichzeitig hörten wir Lärm und Geschrei im Schlafraum Nummer 3. Beides hielt längere Zeit an. Am nächsten Morgen, als ich die Toilette besuchte, ging ich bei diesem Zimmer vorbei. In der Mitte des Raumes sah ich eine große Menge Blut, die Wände waren durchlöchert von den Geschosskugeln und voller Blut (wörtlich: die Wände waren aus Blut). Im Laufe des Tages wurden die Leute bzw. Leichen in einem großen Lkw gestapelt. Auch alle Verwundeten wurden aufgesammelt und jene, die noch gehen konnten, wurde befohlen, den Lkw zu besteigen. Aus dem Lkw floss Blut heraus; er fuhr fort in unbekannte Richtung. Am selben Tag wurde die Piste bzw. der Hof von A. gereinigt.

Ich verließ das Lager Keraterm/Omarska am 5.8.1992.